{"id":80,"date":"2014-05-02T17:42:49","date_gmt":"2014-05-02T17:42:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=80"},"modified":"2014-05-04T07:23:53","modified_gmt":"2014-05-04T07:23:53","slug":"aggiudicato-der-fisch-gehort-mir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=80","title":{"rendered":"Aggiudicato &#8211; der Fisch geh\u00f6rt mir!"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich nun schon Giulio vorgestellt habe, d\u00fcrfen die weiteren Lokalmatadore des Trullo nicht fehlen. Also machen wir weiter mit dem Pescivendolo Ivano, dem Fischh\u00e4ndler meines Vertrauens, der auch noch unter dem Zeichen des Fisches geboren ist. Diese kleine Ironie des Schicksals nur nebenbei.<\/p>\n<p>Wenn ich in Rom bin, gehe ich jeden Freitag, manchmal auch noch Dienstag oder Mittwoch zu ihm. Montag hat er zu, weil die Fischer am Sonntag nicht rausfahren. \u00a0Samstag geht er nicht zur Fischversteigerung, weil er dann eben zwei Tage zu hat. Ivano und mich verbindet eine lange Zeit mit vielen H\u00f6hen und Tiefen. Wie bei allen l\u00e4ngeren Beziehungen liegt auch bei dieser der Anfang im Dunklen.<\/p>\n<p>Als junge Ehefrau aus S\u00fcddeutschland, die maximal mal bei der Oma eine Forelle blau (nicht gerne) gegessen hat, war mir Fisch \u2013 vor allem im Ganzen \u2013 ein gruseliges Mysterium. Und als ich noch im Supermarkt gekauft habe, f\u00fcr dessen Besuch ich mir in den ersten Wochen in Rom fast schon Mut antrinken musste (hab ich nat\u00fcrlich nicht), bin ich mit abgewandtem Blick an der Fischtheke rechts vom Eingang vorbei gehastet. Als mich der Anblick all dieser toten Meeresbewohner nicht mehr in Angst und Schrecken versetzt hat, hab ich sie mir genauer angesehen. Meiner Meinung nach lagen dort s\u00e4mtliche Fischarten dieser Welt und noch mehr: Muscheln, Gamberi, Gamberoni und Tintenfische. Mit Tollk\u00fchnheit und einem kulinarisch ermutigenden Ehemann ausgestattet, habe ich nach einiger Zeit meine ersten Orate gekauft und auch zubereitet. \u00a0Sehr schlecht k\u00f6nnen sie nicht gewesen sein, denn wir sind an der Thematik &#8222;Fisch&#8220; dran geblieben.<\/p>\n<p>Im Laufe der Jahre wurde ich dann mutiger, nicht nur bei der Zubereitung von Fisch, sondern auch beim Einkaufen. Ich traute mich langsam in die kleinen Gesch\u00e4fte, wo man mit Verk\u00e4ufern, meist sind es die Besitzer, sprechen muss, um etwas zu bekommen. Und man muss beileibe nicht nur \u00fcber das sprechen, was man gerne h\u00e4tte. Man muss sagen, wie man es zubereiten m\u00f6chte, was man vom deutschen Fu\u00dfball, der EU-Politik, dem allgemeinen Werteverfall, der Trag\u00f6die, dass keiner mehr Geld f\u00fcr Essen ausgeben m\u00f6chte, dass die Jungen gar nicht mehr kochen k\u00f6nnen, dem Wetter und noch so vielem mehr halte, dass ein ger\u00fcttelt Ma\u00df an Sprachkenntnis erforderlich ist. Dies alles erfolgt in breitestem Dialekt und ich vermute, dass der Grund f\u00fcr meine relative Beliebtheit hier im Viertel unter anderem darin liegt, dass ich die H\u00e4lfte des Gesagten nicht verstehe und deshalb meistens auf die Gestik und Mimik achte und diese dann mit zustimmenden oder bedauernden Murmelungen verst\u00e4rke. Da die meisten Kaufleute M\u00e4nner sind, macht mich das zu einer EinsA-Kundin und Frau sowieso. Und ich bin ein prima Aush\u00e4ngeschild f\u00fcr die Deutschen. &#8222;Gar nicht so \u00fcbel, wir haben da eine im Viertel, die ist zwar riesig, aber die bezahlt und versteht was von der Welt.&#8220; So wird ja gerne \u00fcber Menschen gesprochen, die einem Recht geben. F\u00fcr mich ist es gut, ich krieg Sconto und gute Ware. Denn im Laufe der Jahre habe ich mir durchaus die Expertise und die Position erarbeitet, dass ich Ware kritisch be\u00e4uge und nach was aus dem Lager frage. Das macht Eindruck und gibt dem Verk\u00e4ufer das Gef\u00fchl, dass ich ihm durchaus noch was Besseres als das offensichtlich Angebotene zutraue, weil ich eben um seine Qualit\u00e4ten wei\u00df.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu Ivano. Mit ihm begann meine nicht steile, aber kontinuierliche Lernkurve mit der Zubereitung von Meerestieren, vor allem Fisch. Leider bin ich bei allen anderen Tieren durch eine kaum nachvollziehbare Abneigung gegen Frutti di Mare gehemmt. Aber \u00e4hnlich wie ein blinder Maler, der die Farben sp\u00fcrt und riecht, komme ich auch mit den meisten dieser Tiere inzwischen gut zurecht. Ivano lotst mich durch den hohen Seegang der Fischzubereitung. Bislang bin ich ihm noch immer gefolgt. Bis auf einmal: Bei den Neonati, den durchsichtigen Fischbabies sind wir nicht zusammen gekommen. Aber ansonsten hab ich fast alles von ihm gelernt.<\/p>\n<p>Meistens rufe ich ihn von zuhause aus an und frage, ob sich ein Besuch lohnt. Er stellt mir seine frisch gefangenen, nicht gez\u00fcchteten Fische vor, ich w\u00e4hle und er teilt mir mit einem frohgemuten &#8222;aggiudicato!&#8220; (zugesprochen) mit, dass ich mal wieder schneller war als die gierige und meiner Meinung nach sehr verfressene Dottoressa von der Farmacia gegen\u00fcber war. Sie ist mein nat\u00fcrlicher Fressfeind wenn es um frisch gefangene gro\u00dfe Fische um die eineinhalb Kilo geht.<\/p>\n<p>Inzwischen verbindet uns eine Art Freundschaft, er zieht mich gerne zu Rate, wenn er seinen Porsche (von dem einige Teile von Rechts wegen eigentlich mir geh\u00f6ren m\u00fcssten) zu Schrott f\u00e4hrt und Teile aus Germania bestellen m\u00f6chte oder er klagt mir sein Leid, wenn seine Kinder, seine Mamma und alle Enkel bei ihm wohnen. Am liebsten w\u00fcrde er dann wieder nach S\u00fcdafrika gehen. Oder nach London. Oder nach Paris. \u00dcberall war er schon und \u00fcber alles kann er sprechen. Aber wir beide sind uns einig: wo kann es sch\u00f6ner sein als im Trullo?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich nun schon Giulio vorgestellt habe, d\u00fcrfen die weiteren Lokalmatadore des Trullo nicht fehlen. 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