{"id":3665,"date":"2017-02-20T06:21:57","date_gmt":"2017-02-20T06:21:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=3665"},"modified":"2017-02-20T06:21:57","modified_gmt":"2017-02-20T06:21:57","slug":"baguetteannagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=3665","title":{"rendered":"Baguetteannagen"},"content":{"rendered":"<p>Nur wenig Dinge im Leben sind verlockender als ein frisches Brot\/Baguette oder gekochter Schinken aus Italien. Und deshalb gelingt es mir fast niemals, von einem frisch gekauften Brot oder eben Baguette nicht sofort ein St\u00fcck abzunagen. Fr\u00fcher war ich der Schreck meiner Mutter, wenn ich ausgeh\u00f6hlte Brote vom B\u00e4cker mit nach Hause gebracht habe. Heute der meines Mannes, der es unpassend findet, dem Baguette noch im Gesch\u00e4ft oder auf der Stra\u00dfe den Po abzunagen. Ihm zuliebe beherrsche ich mich bis nach der Kasse. Denn normalerweise nehme ich es und breche ein St\u00fcck ab. Schlimm. Das mit dem Schinken in Italien ist hingegen ein Kindheitsversprechen an mich selbst. Fr\u00fcher, wenn wir unsere Ferien in Italien verbracht haben, gab es einen kleinen &#8222;Despar&#8220;, bei dem man schon auch mal Bonbons rausbekommen hat, wenn kein Kleingeld in der Kasse war oder es sich um so piepkleine Betr\u00e4ge gehandelt hat, die beim besten Willen nicht mehr monetarisierbar waren. Dort haben wir unsere gr\u00f6\u00dferen und kleineren Eink\u00e4ufe erledigt. Und neben massig Schokolade und Ovomaltine f\u00fcr meinen unterern\u00e4hrten Vater, gab es auch immer den herrlichen gekochten Schinken, der in Italien so ganz anders schmeckte und immer noch schmeckt als in Deutschland.<\/p>\n<p>Schon der Kauf war au\u00dferordentlich aufregend. Die Maschinen viel gr\u00f6\u00dfer und auch die Verpackung. Die Ware wurde in Waschspalier eingewickelt, der Preis mit dickem schwarzen Filzstift auf das hellbraune Papier geschrieben und dann thronte er duftend in unserem K\u00fchlschrank. Hauchd\u00fcnn war er geschnitten und herrlich trocken (ich mag au\u00dfer bei Fleisch fast gar nichts Saftiges, vielleicht noch bei Zwetschgendatschi, aber keinesfalls bei Garnelen oder Fisch!!!). Und er sollte die Quelle einer gro\u00dfen Sehnsucht werden. Er war n\u00e4mlich f\u00fcr den Papa. Man konnte schon mal eine Scheibe haben, aber nicht die Mengen, die ich gerne gehabt h\u00e4tte. Und damals vor dem kleinen K\u00fchlschrank in der K\u00fcche mit dem Vorhang habe ich mir geschworen: wenn ich mal gro\u00df bin, kaufe ich mir gekochten italienischen Schinken, so viel ich will. Und esse ihn ohne Brot. Morgens, mittags und abends. Nun muss man wissen, es gab bei uns vern\u00fcnftigerweise auch keine Cola oder Fanta oder so einen Kram. Aber das war mir relativ egal. Der Schinken war und ist bis heute hingegen eine gro\u00dfe Freude f\u00fcr mich und mein Metzger in Rom wei\u00df ganz genau, dass es keine gute Idee ist, ihn erstens zu dick zu schneiden und mit zweitens nicht probieren zu lassen. <\/p>\n<p>Nun bin ich sicherlich mit solchen Kindheitserinnerungen oder -sehns\u00fcchten gut dran und kann sie relativ harmlos im Leben ausleben (nat\u00fcrlich hilft es, dass ich regelm\u00e4\u00dfig in Italien bin, wer wei\u00df, welch schlimme St\u00f6rung sich sonst in mir breit gemacht h\u00e4tte), aber was ist mit all den Menschen, denen (noch) Wichtigeres als dieser Schinken gefehlt hat? Neulich habe ich in der Mediathek einen Zweiteiler \u00fcber den zweiten Weltkrieg gesehen und dass damals Kinder nach England verschickt wurden. Sie lebten dort bei fremden Familien &#8211; \u00fcber Jahre hinweg &#8211; und sollten dann wieder zur\u00fcck zu ihren eigenen (traumatisierten) Eltern. Wie soll das gehen? Und wie kann es sein, dass unsere Wohlstandskinder heute beinahe verst\u00f6rter, dicker und lebensunf\u00e4higer im Sinne von sozial auff\u00e4llig sind als diese Kinder? Fehlt ihnen das Korsett der Disziplin, an dem sie sich halten k\u00f6nnen? Ich f\u00fcr meinen (kindheitserinnernden) Teil freue mich jedenfalls sehr, dass ich momentan zwar noch in Paris, morgen aber bereits in Rom sein werde und als eine der ersten Taten mindestens 200 Gramm gekochten Schinken ordern werde. Wieviel davon nach Hause kommt, steht auf einem anderen Blatt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur wenig Dinge im Leben sind verlockender als ein frisches Brot\/Baguette oder gekochter Schinken aus Italien. Und deshalb gelingt es mir fast niemals, von einem frisch gekauften Brot oder eben Baguette nicht sofort ein St\u00fcck abzunagen. Fr\u00fcher war ich der Schreck meiner Mutter, wenn ich ausgeh\u00f6hlte Brote vom B\u00e4cker mit nach Hause gebracht habe. 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