{"id":3477,"date":"2016-11-01T06:38:36","date_gmt":"2016-11-01T06:38:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=3477"},"modified":"2016-11-01T20:16:13","modified_gmt":"2016-11-01T20:16:13","slug":"aussteigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=3477","title":{"rendered":"Aussteigen"},"content":{"rendered":"<p>Wir waren \u00fcber&#8217;s Wochenende in Okzitanien. Das ist in den franz\u00f6sischen Pyren\u00e4en. Und dort in einem ganz reizenden kleinen Weingut, das nat\u00fcrlich, weil es bei den Franzosen ist, gleich ein Chateau ist. Das wird von einem sehr korrekten und freundlichen Ehepaar gef\u00fchrt, nachdem es vorher auch von ihnen renoviert worden ist. Sie betreiben es als Chambre d&#8217;Hote und wie wir seit der Ankunft wissen, ist das dann kein Hotel, sondern bedeutet lediglich Gastzimmer. Sehr, sehr h\u00fcbsche Gastzimmer. Und wenn man sich von Anfang an nett und ordentlich benimmt, darf man auch am Abend in der gro\u00dfen ehemaligen Gesindek\u00fcche das essen, was Madame Veronique mit Liebe und vor allem Kunstfertigkeit gekocht hat. Dazu brennt ein loderndes Feuer im Kamin, der \u00fcber eine Gr\u00f6\u00dfe verf\u00fcgt, dass K\u00fche ohne sich zu b\u00fccken prima reinpassen und sich zwei der nachts um Haus m\u00e4andernden Wildschweine fast schon darin verl\u00f6ren. Auf die Wildschweine passt \u00fcbrigens des n\u00e4chtens Karli auf, ein ziemlich gro\u00dfer Rottweiler mit einer sensiblen Gem\u00fctslage. In der ersten Nacht musste er seinen Verteidigungsaufgaben so nachdr\u00fccklich nachkommen, dass er die n\u00e4chsten zwei Tage &#8211; sogar f\u00fcr uns, die wir ihn erst einen Tag lang kannten &#8211; v\u00f6llig ver\u00e4ndert, ja fast schon depressiv war. Ich f\u00fcrchte, wir haben uns mehr Sorgen gemacht als die Besitzer&#8230;..<\/p>\n<p>Das Ehepaar Xavier und Veronique sind neben ihren exzellenten Gastgeberqualit\u00e4ten ein wunderbares Beispiel f\u00fcr erf\u00fcllte Lebenstr\u00e4ume. Bestimmt haben sie sich w\u00e4hrend der Kinderaufzucht (sie sind so alt wie wir), in den Jahren der durchwachten N\u00e4chte und den hohen Wellen der Pubert\u00e4t immer wieder ausgemalt, wie herrlich es werden wird, wenn sie erst mal alles hinter sich lie\u00dfen und sich ein kleines Weingut kauften, es renovierten und dann darin gl\u00fccklich f\u00fcr immer darin lebten. Das ist ihnen &#8211; wie wir Franzosen sagen w\u00fcrden &#8211; formidable gelungen. Die Gegend eignet sich sowieso ganz einzigartig gut daf\u00fcr, sich Lebenstr\u00e4ume zu erf\u00fcllen. Sie ist nicht superbekannt, landschaftlich einmalig sch\u00f6n, wild, sanft und klimatisch ausgewogen. Es gibt tolle Farben und gro\u00dfartigen Wein, mehr Wildschweine als man essen kann &#8211; was k\u00f6nnte ein Herz mehr begehren? Hinzu kommt, dass es sich um einen eher sehr armen Teil Frankreichs handelt und H\u00e4user im Traumbereich und Budget von ganz normalen Leuten liegen. Und so findet man &#8211; zumindest verm\u00f6gensm\u00e4\u00dfig &#8211; ziemlich normale Ausl\u00e4nder hier. Keiner muss in Saint Paul Angst haben, von einem Ferrari beim Croissant holen \u00fcberfahren zu werden oder dass einem nachts ein randalierender Russe in den Pool kippt und dann auch noch verklagt. Solche N\u00f6te kennt Okzitanien nicht. Weder gibt es Pools noch Oligarchen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr finden Menschen wie ich, die ihr Leben lang gelesen haben und dabei nat\u00fcrlich auch \u00fcber die ein oder andere Beschreibung schrulliger Aussteiger gestolpert sind, ebendiese in einer Reinkultur, die normalerweise zu Misstrauen anregt. Von der betagten Franz\u00f6sin, die einen dunklen Wuschelkopf und eine runde schwarze Brille tr\u00e4gt, dazu raucht und wie ein Bierkutscher fluchen kann \u00fcber ein Schweizer Ehepaar, das zwar eines der teuersten Anwesen in der Umgebung gekauft hat, dies aber vermutlich nur kann, weil sie aus \u00dcberzeugung von dem leben, was sie auf den \u00c4ckern finden und sich &#8211; vermutlich ebenfalls aus \u00dcberzeugung und dem Augenschein nach &#8211; noch niemals die Haare geschnitten oder gewaschen hat, bis hin zum schrulligen englischen Ehepaar, das in keinem englischen Roman besser beschrieben werden k\u00f6nnte (sie mollig und aufgekratzt, er in Kordhosen und etwas trottelig-vertr\u00e4umt), werden alle Klischees bedient. An sich w\u00fcrde nur noch ich fehlen, die mit all ihrem Vorwissen, um nicht zu sagen Vorurteilen, dort f\u00fcr einen Sommer in ein vertr\u00e4umtes H\u00e4uschen zieht, alles richtig durchmischelt und dann dar\u00fcber schreibt. Bin nicht sicher, ob ich h\u00f6ren m\u00f6chte, wie sie mich dann beschreiben w\u00fcrden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir waren \u00fcber&#8217;s Wochenende in Okzitanien. Das ist in den franz\u00f6sischen Pyren\u00e4en. Und dort in einem ganz reizenden kleinen Weingut, das nat\u00fcrlich, weil es bei den Franzosen ist, gleich ein Chateau ist. Das wird von einem sehr korrekten und freundlichen Ehepaar gef\u00fchrt, nachdem es vorher auch von ihnen renoviert worden ist. 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