{"id":3138,"date":"2016-06-01T16:26:59","date_gmt":"2016-06-01T16:26:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=3138"},"modified":"2016-06-01T17:32:58","modified_gmt":"2016-06-01T17:32:58","slug":"verkaeuferinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=3138","title":{"rendered":"Verk\u00e4uferInnen"},"content":{"rendered":"<p>Wer menschenscheu ist oder einfach nicht will, muss heute mit fast keinem menschlichen Wesen mehr Kontakt haben. Und wenn er ihn hat, kann er so unpers\u00f6nlich und sachlich wie m\u00f6glich sein. Das funktioniert meist so lange, bis irgendetwas au\u00dferhalb der Reihe geschieht, man einen Gefallen oder eben ein kleines Bisschen mehr m\u00f6chte. Dann ist es gut, das italienische Prinzip gefahren zu sein und &#8222;seinen&#8220; Verk\u00e4ufer zu haben. Wie schwierig und zerm\u00fcrbend das in unserer superschnelllebigen Zeit sein kann, wei\u00df ein Jeder. Kaum hat man sich ein Gesicht, vielleicht sogar mit Namen gemerkt, ist rotiert worden, Der- oder Diejenige arbeitet jetzt in einer anderen Filiale oder wei\u00df Gott was noch alles. Die Friseurin meines Vertrauens verkauft jetzt Jeans und die einzige Frau au\u00dfer meiner Mutter, die mir beim Augenbrauenzupfen nicht unertr\u00e4gliche Schmerzen zuf\u00fcgt (es gibt noch eine Freundin, die hervorragend zupft, aber die lebt unfassbar weit weg von mir, was schon an sich eine Schande ist!), verkauft nun Schuhe. Was daran so viel besser sein soll?<\/p>\n<p>In Italien habe ich ganz schnell gelernt, dass es deutlich besser l\u00e4uft, ist man irgendwo Stammkunde und schafft sich auf die ein oder andere Art und Weise eine gemeinsame Historie. Dann kann sich jeder an &#8222;die Frau, der mal die Kiste mit Erdbeeren umgefallen ist&#8220; oder &#8222;die Frau, der ich tats\u00e4chlich mal f\u00fcnf Kilo Kirschtomaten angedreht habe, obwohl sie nur ein Kilo Kartoffeln wollte&#8220; oder einfach &#8222;die gro\u00dfe Deutsche&#8220; (was in Deutschland nicht funktioniert) erinnern. Man kommt rein, wird freundlich begr\u00fc\u00dft und nach Eltern, Hund oder wo man gerade herkommt gefragt. Dadurch dass ich dauernd einkaufe, ist das kein unerheblicher Vorteil, man ist ja kein Nerd und m\u00f6chte auch ab und an mit Menschen und nicht nur mit sich selbst sprechen. Dazu bleibt im Alter immer noch gen\u00fcgend Gelegenheit. Verbl\u00fcffend ist, dass gerade die unpers\u00f6nlichste meiner St\u00e4dte, nat\u00fcrlich Paris, in einem gro\u00dfen Markt an der Oper einen Kassierer hat, der immer an derselben Kasse sitzt (ganz rechts, wenn man rausgeht) und mit dem ich inzwischen sogar kleine neckische Worte wechseln kann. Das klappt am besten, wenn wir uns \u00fcber die vielen Touristen unterhalten, die kein Wort franz\u00f6sisch k\u00f6nnen. Dann ist meine gro\u00dfe Stunde, denn ich habe &#8211; wie schon erw\u00e4hnt &#8211; wie keine Zweite gelernt, feinsinnig zu nicken, zu lachen und zustimmende Silben zu murmeln, was im Allgemeinen gro\u00dfartig ankommt und mich zu einer gesch\u00e4tzten und verst\u00e4ndigen Kommunikationspartnerin macht.<\/p>\n<p>In meiner Heimat muss ich da schon mit st\u00e4rkeren Gesch\u00fctzen auffahren, denn hier konkurriere ich in meiner Sprache und vielen Menschen, die immer da sind und viel regelm\u00e4\u00dfiger und mehr einkaufen als ich. Hier muss ich mir etwas einfallen lassen, um im Ged\u00e4chtnis zu bleiben. Zum Gl\u00fcck kann ich hier dasselbe Prinzip wie andernorts verwenden, denn ich bin dann &#8222;die, die gerade aus Paris oder Rom kommt&#8220;. Oder einfach die Nette. Zum Beispiel gibt es eine Metzgereiverk\u00e4uferin, zwischen der und mir einfach ein Band allergr\u00f6\u00dfter Sympathie gespannt ist. Sie hat auch mal zehn Jahre in Frankreich gelebt und ist immer noch erbost \u00fcber die franz\u00f6sische Anma\u00dfung in punkto &#8222;cuisine&#8220;. Da braucht ihr keiner kommen und wenn ich ihr sage, ich fahre wieder nach Paris, kann ich sicher sein, dass sie mir noch eine eingeschwei\u00dfte Wurst extra mitgibt &#8222;f\u00fcr Eahna Mo, der arme Kerle, der da wohna muss&#8220;. Das ist erfreulich und wenn ich nicht andauernd den hei\u00dfen, neidischen Atem wartender Kundinnen im Nacken sp\u00fcren w\u00fcrde, h\u00e4tten wir uns schon sicher so manchen Schwank aus unserem Leben erz\u00e4hlt. Neulich hat sie mich, als ich schon fast bei der T\u00fcre war, nochmal zur\u00fcckgerufen und zugeraunt &#8222;Mei, des sieht ma fei scho, dass sie in Paris a dahoim sin, da passens arg gut hin, so schick wie Sie immer sin!&#8220; Ich war zu Tr\u00e4nen ger\u00fchrt. Wer k\u00f6nnte je sein Fleisch woanders kaufen? Oder gar im Internet?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer menschenscheu ist oder einfach nicht will, muss heute mit fast keinem menschlichen Wesen mehr Kontakt haben. Und wenn er ihn hat, kann er so unpers\u00f6nlich und sachlich wie m\u00f6glich sein. Das funktioniert meist so lange, bis irgendetwas au\u00dferhalb der Reihe geschieht, man einen Gefallen oder eben ein kleines Bisschen mehr m\u00f6chte. Dann ist es [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":3141,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,7],"tags":[],"class_list":["post-3138","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-augsburg","category-gedanken-aus-dem-inland"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3138","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3138"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3138\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3144,"href":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3138\/revisions\/3144"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/3141"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3138"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3138"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3138"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}