{"id":3130,"date":"2016-05-30T09:33:53","date_gmt":"2016-05-30T09:33:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=3130"},"modified":"2016-06-03T16:01:27","modified_gmt":"2016-06-03T16:01:27","slug":"odeon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=3130","title":{"rendered":"Odeon"},"content":{"rendered":"<p>Bestimmt hat jeder w\u00e4hrend seiner Studien- oder Jugendzeit eine &#8222;Stammkneipe&#8220; gehabt. Eine, in die er immer gegangen ist und der er treu geblieben ist. Und das \u00fcber viele Jahre. Zumindest zu meiner Zeit gab es sowas noch. Gewechselt wurde nicht, warum auch? Man h\u00e4tte so viele Leute motivieren m\u00fcssen und es h\u00e4tte letztlich ja gar nichts gebracht. Wir waren immer und immer im Odeon. Es gab zwar direkt in der Stadt noch eine andere Bar \/ Kneipe \/ Caf\u00e9, aber das war ein wenig halbseiden und es gingen Leute hin, die uns nicht zusagten. Und im Odeon war alles tippitoppi. Vielleicht war die Uhrzeit, ab der man hingehen konnte, etwas sp\u00e4t, aber bis halb elf konnte man ja trefflich zuhause schlafen, gar kein Problem. Im Odeon hatten wir wunderbare Abende, die immer gleich abliefen. Kein Wunder, waren es ja auch die immer gleichen Leute, die sich trafen. Andere hatten nach ein, zwei Erfahrungen mit uns auch keine gro\u00dfe Lust mehr, uns n\u00e4her kennenzulernen. <\/p>\n<p>Der einzige Wermutstropfen am Odeon war seine unsensibel fr\u00fche Sperrstunde und die Parkplatzsituation. Um ein Uhr waren wir erst richtig warm gelaufen und dann sollten wir schon wieder gehen? \u00c4rgerlich. Aber wenn Christian oder Norbert oder Herrmann die drei Lieder spielten, lie\u00dfen sie danach auch nicht mehr mit sich reden. Nach &#8222;My Way&#8220; war unerbittlich Schluss und wir sind quengelnd und pl\u00e4neschmiedend in die Augsburger Nacht gezogen, die dann entweder bei jemandem daheim endete oder bei sich selbst daheim, was meist der Fall war, denn frische Luft wirkte auch damals schon ern\u00fcchternd. Nun, Jahrzehnte sp\u00e4ter und nach dem traurigen Tod eines der Gr\u00fcnder und Betreiber unseres studentischen Wohnzimmers, schlie\u00dft das Odeon seine Pforten. Ich war in den Jahren nach meinem Studium nur noch ein oder zwei Mal dort und als ich das erste Mal respektvoll im Eingang gesiezt wurde, wusste ich, dass die gemeinsame Zeit vorbei war. Weil aber viele, viele Menschen meines Alters romantische Erinnerungen an die Brasserie hatten (wir wussten damals nicht, dass man dort auch essen konnte. Wie auch? Um diese Uhrzeit!), kam nun die Zeit der Abschiedspartys. Und so war ich in diesem Jahr so oft im Odeon wie in all den Jahren davor zusammen.<\/p>\n<p>Die letzte Feier am Wochenende war erkl\u00e4rterma\u00dfen die sch\u00f6nste. In Verbindung mit einem runden Geburtstag wurde noch einmal &#8211; eine Woche nach der offiziellen Schlie\u00dfung &#8211; die Fl\u00fcgelt\u00fcre aufgesperrt und mit gro\u00dfen Teilen der Originalcrew gefeiert, was das Zeug hielt. War es am Anfang noch sorglos lustig, begann sich leichte Melancholie in die wilde Feierlaune zu mischen. Erst recht als ich einen Aperol Spritz abgelehnt hatte und die Bedienung mir sagte, es sei der Letzte, jetzt sei die Flasche aus. Wie eine Verdurstende hab ich mich drauf gest\u00fcrzt und ihn sehr and\u00e4chtig getrunken. Unser altbekannter DJ, den wir von vielen, vielen Festen kennen und lieben, hat herrlichste Musik aufgelegt und bis um drei Uhr hat sich der verbleibende Rest der Illusion hingegeben, dass es doch noch ewig weitergeht. Denn auch wenn man nicht mehr hingegangen ist, das Odeon war trotzdem da und machte das Bild komplett. Die Jugendzeit gab es noch. Nicht aktiv, aber vorhanden. Um drei Uhr &#8211; eigentlich recht unvermittelt &#8211; kamen dann dennoch die immer schon gef\u00fcrchteten drei Abschiedslieder: Auf der Reeperbahn, New York, New York und My Way. Wenige Augen blieben trocken, aber alles andere h\u00e4tte das Odeon auch nicht verdient.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bestimmt hat jeder w\u00e4hrend seiner Studien- oder Jugendzeit eine &#8222;Stammkneipe&#8220; gehabt. Eine, in die er immer gegangen ist und der er treu geblieben ist. Und das \u00fcber viele Jahre. Zumindest zu meiner Zeit gab es sowas noch. Gewechselt wurde nicht, warum auch? 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