{"id":2982,"date":"2016-04-19T16:12:34","date_gmt":"2016-04-19T16:12:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=2982"},"modified":"2016-04-19T19:56:14","modified_gmt":"2016-04-19T19:56:14","slug":"wenn-der-vorhang-sich-zur-seite-schiebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=2982","title":{"rendered":"Wenn sich der Vorhang zur Seite schiebt"},"content":{"rendered":"<p>Gestern bin ich mit dem Zug von Paris zur\u00fcck nach Deutschland gefahren. Da man beim Pariser Verkehr nie sicher sein kann, was einen erwartet, fahre ich gerne fr\u00fcher los und verbringe lieber dort Zeit. So auch gestern. Das ist praktisch, ich kann dann noch Lippenstifte, Schokolade und anderes N\u00fctzliches kaufen. Oder mich ans \u00f6ffentliche Klavier stellen und zuh\u00f6ren oder mich von einem K\u00fcnstler ansprechen lassen, der ausgeraubt worden ist und jetzt kein Geld mehr hat, nach Hause zu fahren und in Wahrheit ein Trickbetr\u00fcger ist oder mir einen Cappuccino bei Starbucks kaufen. Dieses Mal habe ich mich dazu entschlossen. <\/p>\n<p>Es war nicht ganz einfach, die Aufmerksamkeit der jungen Dame an der Kasse, bzw. Bestellannahme zu erlangen, aber durch beharrliches Stehenbleiben ist es mir letztlich doch gelungen. Nicht sehr erfreut, ihr Gespr\u00e4ch um die Mittagszeit mit der Kollegin unterbrechen zu m\u00fcssen, hat sie mich gefragt, ob normal, mittel oder gro\u00df und weil ich Gr\u00f6\u00dfenangaben aus dem Land der Adipositas nicht bedingungslos vertraue und schon einmal mit einem &#8222;mittleren&#8220; Cappuccinobecher zwischen den Beinen fast bis nach Stuttgart fahren musste, weil er partout nicht in die Getr\u00e4nkehalterung meines (deutschen) Autos passen wollte und in seiner Riesigkeit auch nicht so schnell in meinen Magen, lasse ich mir die Gr\u00f6\u00dfen immer vorher zeigen. Das hat die Dame in eine Stimmung zwischen Gelangweiltsein an der Grenze zur verachtenden Gereiztheit versetzt, aber ich habe freundlich die Stellung gehalten und im Anschluss, zwar innerlich leicht keuchend, die 4,90 bezahlt. Mit einem F\u00fcnfer.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck bekommen habe ich dann 10 Cent, einen Kassenzettel und darunter wieder meinen F\u00fcnfer. Ich bin zur Getr\u00e4nkeausgabe gegangen, was mit all dem Gep\u00e4ck nicht schnell genug ging, so dass nun auch noch die Kollegin, die ich ja durch den Bestellvorgang schon von der Kassiererin entzweit hatte, ihrerseits Grund hatte, mich als wirklich besonders st\u00f6renden Kunden wahrzunehmen. Sie hat zwar nicht mit den Augen gerollt, aber dass man meinen Namen nach so kurzer Zeit der Bekanntschaft derart betonen kann, war mir neu. Nachdem ich also kontrolliert hatte, ob ich auch sicher keinen Zehner gegeben hatte, war ich tats\u00e4chlich eine Millisekunde im Zweifel, ob ich  mich einer erneuten Konfrontation aussetzen m\u00f6chte. Nat\u00fcrlich habe ich es getan und habe die Dame erneut aus ihrem Gespr\u00e4ch rei\u00dfen m\u00fcssen, was sie keineswegs gerne hatte. Als ich dann auch noch auf Franz\u00f6sisch sagte, es g\u00e4be ein Problem mit dem Wechselgeld, wurden ihre Augen schmal wie b\u00f6se Schlangenaugen. Als ich sie informierte, dass der Fehler zu Ihren Ungunsten sei und ihr den F\u00fcnfer hingehalten habe, geschah etwas sicher sehr Seltenes und jeder, der das Rilke-Gedicht vom Panther kennt, wei\u00df, was ich meine: der Vorhang aus Vorstadtleben und immer K\u00e4mpfen und immer Zukurzkommen hat sich f\u00fcr eine Millisekunde zur Seite geschoben und hat sie mit zwei, drei Jahren gezeigt. Nat\u00fcrlich war es von vornherein das einzig Richtige, den Irrtum aufzudecken, aber daf\u00fcr war es es auch wert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern bin ich mit dem Zug von Paris zur\u00fcck nach Deutschland gefahren. Da man beim Pariser Verkehr nie sicher sein kann, was einen erwartet, fahre ich gerne fr\u00fcher los und verbringe lieber dort Zeit. So auch gestern. Das ist praktisch, ich kann dann noch Lippenstifte, Schokolade und anderes N\u00fctzliches kaufen. 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