{"id":2247,"date":"2015-08-16T17:45:29","date_gmt":"2015-08-16T17:45:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=2247"},"modified":"2015-08-17T05:00:01","modified_gmt":"2015-08-17T05:00:01","slug":"karaoke-al-corviale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=2247","title":{"rendered":"Karaoke al Corviale"},"content":{"rendered":"<p>Wir wohnen ja schon in einer wilden Gegend. Aber es gibt noch viel, viel wildere, wenn man weiterf\u00e4hrt. Solche, die aus einem einzigen Geb\u00e4ude, dem Corviale bestehen, das fast einen Kilometer lang ist und auf einem H\u00fcgel steht. Man sagt, der Architekt h\u00e4tte sich umgebracht, als er gemerkt hat, was aus seinem Bau geworden ist. Wobei er sich das schon auch ein bisschen h\u00e4tte denken k\u00f6nnen, meine ich. Was soll aus einem solchen Monster denn werden? Alles grau und eckig. Also wirklich. An dem H\u00fcgel darunter weiden Schafe und Pferde und dazwischen wohnen vereinzelt Menschen in Baracken und alten Wohnwagen. Einmal, in meinem ersten Jahr, bin ich mit einem Bekannten dahin gefahren. In einem Auto mit italienischem Kennzeichen. Ich bin selbst gefahren und kann mich noch erinnern, dass ich damals dieses ganz instinktive Angstgef\u00fchl gesp\u00fcrt habe, das man manchmal hat, wenn man eine besonders tolle Abk\u00fcrzung am Abend l\u00e4uft oder in der D\u00e4mmerung noch im Wald ist. Im Corviale jedenfalls ist eine Polizeistation beherbergt (sagt man) und auch ansonsten w\u00fcrde viel f\u00fcr die Sicherheit getan und \u00fcberhaupt ist gar nicht erwiesen, dass man wegen niedriger Mieten und viel Grau automatisch ein b\u00f6swilliger oder gar krimineller Mensch sein muss. Nur die Vorurteile, die halten sich halt doch. <\/p>\n<p>Gestern also war ein Freund meines Mannes bei uns. Er hat bereitwillig Asyl erhalten, um die Anf\u00e4nge der Bundesliga sachkundig zu er\u00f6rtern. Dann sollte er mit seiner Frau, einer lieben r\u00f6mischen Freundin von mir, die leider sonst in Frankfurt wohnen muss und deren \u00fcber achtzigj\u00e4hrigen Vater zum Essen gehen. Begleitet wurden sie von den zwei T\u00f6chtern und &#8211; und das war das eigentliche Ziel &#8211; von zwei zauberhaften Witwen, Paola und Lukrezia, ebenfalls hoch in den Achtzigern, die man mit dem Witwer zusammen bringen wollte. Zu allseitigem Nutzen. Allein der Witwer bockt. Die r\u00f6mische Freundin teilte mir telefonisch mit, wohin der Ferragosto-Ausflug gehen sollte und nachdem ich die Herren an ihre edelste Pflicht als Besch\u00fctzer von Gattinnen, Kindern und Alten gemahnt hatte und Fu\u00dfball eh rum war, sind wir alle zusammen dorthin aufgebrochen, obwohl sie zun\u00e4chst nicht so sehr wollten. Und was soll ich sagen? Es wurde ein herrlicher Abend. Sogar mit Disco und DJ. Und Kaninchen. Die waren allerdings in ihrem Paradies aus alten Einkaufswagen, ausrangierten Kinderkarussellfahrzeugen und kaputten Schaukeln so misstrauisch, dass sie sich nicht um alles in der Welt streicheln lassen wollten. Hatten vermutlich Angst, gegessen zu werden. Und ganz ehrlich, so weit hergeholt war die Angst sicher nicht. <\/p>\n<p>Weil die Musik so sch\u00f6n war, wollte ich sie noch sch\u00f6ner machen und bin zum DJ hin, um mir ein Lied zu w\u00fcnschen. Er fragte mich, ob ich schon einen Zettel ausgef\u00fcllt h\u00e4tte. Zwei Lieder d\u00fcrften es sein und meinen Namen solle ich dazu schreiben. Komisch, hab ich mir gedacht, von wegen chaotisches Italien! und bin kichernd zum Tisch zur\u00fcck. Dort teilte mir mein Mann mit, dass es sich um Karaoke handle und wenn ich diesen Zettel ausf\u00fclle, m\u00fcsse ich singen. Das nun doch nicht. Ich war zwar erfolgreiche Elevin einer anerkannten Singschule, aber bin ich denn bl\u00f6de und singe als Deutsche in Italien ein italienisches Lied? Noch dazu eines, das alle kennen? All das hat auch erkl\u00e4rt, warum manche Lieder doch ganz anders geklungen hatten als sie es sonst eigentlich tun. Wir haben also den Zettel unter der Tischdecke versteckt, aber nicht mit dem Veranstalter gerechnet. Der kam dann an unseren Tisch und hat gefragt, was ich mir denn nun w\u00fcnsche. Ich hab ihm &#8211; wie ein Kaninchen vor der Schlange &#8211; gesagt, dass ich unter gar keinen Umst\u00e4nden niemals vor so vielen Muttersprachlern singen w\u00fcrde und das hat er eingesehen und mir das Lied dann h\u00f6chstselbst gesungen! Ist das nicht obergoldig? Es gibt eben in jeder Betonw\u00fcste auch Blumen, die in den Ritzen wachsen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir wohnen ja schon in einer wilden Gegend. Aber es gibt noch viel, viel wildere, wenn man weiterf\u00e4hrt. 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