{"id":1924,"date":"2015-05-26T21:07:32","date_gmt":"2015-05-26T21:07:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=1924"},"modified":"2015-05-26T21:11:25","modified_gmt":"2015-05-26T21:11:25","slug":"antonio-und-gennaro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gedankenausdemausland.de\/?p=1924","title":{"rendered":"Antonio und Gennaro"},"content":{"rendered":"<p>Antonios Vater war ein strenger Mann. Kein Wunder. Nach dem Krieg, als er gerade mal zehn Jahre alt war, hat er angefangen, die Pizzeria seines Vaters wieder aufzubauen. Geld war keines da, der Holzofen hat nur funktioniert, wenn man immer daneben stand und gute Mozzarella war kaum\u00a0zu bekommen, au\u00dfer\u00a0man hatte die\u00a0Bauern in der Umgebung gut geschmiert. Dazu war Geld notwendig. Geld, das keiner hatte. Gennaro lie\u00df sich nicht unterkriegen, aber der t\u00e4gliche Kampf machte\u00a0ihn hart. Annunziata, seine Jugendgef\u00e4hrtin, von Jugendliebe zu sprechen, w\u00e4re zu viel gewesen, stand ihm treu zur Seite. Sie ertrug auch seine griesgr\u00e4migen Momente, wenn der Rand der Pizza verbrannt war, weil der Ofen ungleichm\u00e4\u00dfig heizte oder die Mozzarrella klumpig schmolz. Auch als sich nach Antnonio kein weiterer Sohn einstellen wollte, nicht mal eine Tochter und Gennaro zwar nichts sagte, aber dennoch\u00a0ungl\u00fccklich war, sagte sie nichts. Es war ja ihre Schuld. Nicht seine. Sie hatte ihre Schwestern, die Kirche und vor allem ihren Chor. Der war ihr heilig und an den \u00dcbungsstunden am Samstagnachmittag durfte niemand r\u00fctteln. Auch wenn Samstag der g\u00e4stereichste Tag in der Woche war, Annunziata ging zum Singen. Gennaro bat ihre Nichte auszuhelfen.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich sollte Antonio das Gesch\u00e4ft \u00fcbernehmen. Inzwischen gab es auch etwas zum \u00dcbernehmen. Die Pizza war stadtbekannt, der Ofen l\u00e4ngst erneuert und auch die Tischdecken passten inzwischen zusammen. Antonio war ein guter Sohn. Er wusste, was Verantwortung hie\u00df und dass es um das gro\u00dfe Ganze und nicht um seine Leidenschaft ging. Denn die galt der Malerei. In den Augen seines Vaters war das M\u00e4dchenkram und die gro\u00dfen K\u00fcnstler l\u00e4ngst tot. Was sollte nach der Sixtinischen Kappelle noch kommen? Und so malte Antonio heimlich vor und nach seinem Dienst in der Pizzeria. Er malte alles, was er von seinem Dachfenster aus sehen konnte. Die Kuppeln der Kirche, das Meer am Morgen, wenn es von grau zu rosa \u00fcberging, M\u00f6wen, die in den L\u00fcften segelten, Fischerboote, das Meer, wenn es abends rosarote Streifen bekam und die W\u00e4sche, die \u00fcber allen Stra\u00dfen hing. Er malte nicht mit Farben, sondern mit dem Herzen. Niemals zeigte er seine Bilder dem Vater. Er wollte ihn nicht traurig machen.<\/p>\n<p>Als Antonio vollj\u00e4hrig wurde, an seinem Geburtstag, buk\u00a0seine Mamma ihm einen Kuchen, seine Cousinen und Cousins kamen und klopften ihm auf die Schulter, nur sein Papa, Gennaro zeigte keine besondere Regung. Abends, als sie still und eingespielt die Backstube aufr\u00e4umten, schickte er ihn raus, die Metallst\u00fchle reinzuholen. Und da sah Antonio das sch\u00f6nste Auto, das er jemals erblickt hatte. Einen roten Alfa Spider. Blitzend, strahlend, mit weichen Ledersitzen, ein Traum. Antonio seufzte und drehte sich um, um wieder reinzugehen. &#8218;Was ist? Willst Du nicht wenigstens eine Runde drehen?&#8216; fragte ihn sein Vater. Und als Antonio ungl\u00e4ubig drein schaute, dr\u00fcckte ihn Gennaro das erste Mal seit Antonio sich erinnern konnte, an sich, gab ihm den Schl\u00fcssel und sagte: &#8218;Ich will, dass Du Dich frei f\u00fchlst. Ich selbst hatte keine gro\u00dfe Wahl, aber was w\u00e4re ich f\u00fcr ein Vater, wenn ich nun die Wahl habe, Dich gl\u00fccklich zu sehen und es trotzdem nicht tue?&#8216;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antonios Vater war ein strenger Mann. Kein Wunder. Nach dem Krieg, als er gerade mal zehn Jahre alt war, hat er angefangen, die Pizzeria seines Vaters wieder aufzubauen. 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