Gesund essen

Gestern war ich kurz in der Stadt und als ich so über den Markt gehuscht bin, haben mich da die wunderschönsten Trauben angelacht, die ich seit langem gesehen habe. Nun bin ich absolut kein Freund unverarbeiteter Trauben (außer sie hängen an der Wand als Produkte wilden Weins bei meinem liebsten launischen Italiener mit dem schönen Gastgarten und mein Mann jault vor Entsetzen auf, wenn ich sie esse), aber diese haben selbst mich gelockt. Pralle grüne samtige Dinger. Einfach schön. Und so appetitliche große Gebinde – der Wahnsinn! Wild entschlossen hab ich auf eine Traube gezeigt, sie mir einpacken lassen und souverän einen Fünf-Euro-Schein hingehalten. Die Verkäuferin hat mich erwartungsvoll angeschaut, ich sie auch, bis sie dann sagte: 8 Euro 41, ach was, machma 8,40 bitte! Wäre fast lang hingeschlagen. Dazu möchte ich sagen, dass ich den Wert eines Einkaufswagens, eines Korbes voller Kleinigkeiten auf der Dult und den Preis eines noch nicht gewogenen Fisches ziemlich exakt schätzen kann. Dieser Preis hat mich schlichtweg umgehauen.

Darf das sein, dass ein gutes Kilo Weintrauben aus Italien mehr kostet als ein Mittagsmenü in der benachbarten Markthalle mit Fleisch, Gemüse und Sättigungsbeilage und Salat und Wasser? Das ist doch krank. Wie sollen Menschen sich denn da gesund ernähren? Wo führt das denn hin? In Rom zahle ich für ein Kilo Trauben (vermutlich dieselben) 2 Euro 50. Der Transport kann doch nicht so teuer sein. Und darf es dann weiter sein, dass ein Brathähnchen 2,99 kostet? Ich weiß, da regen sich alle drüber auf, aber man kann sich auch gar nicht oft genug mit dieser Absurdität beschäftigen. Was ist nun also falsch? Der Preis für tote Lebewesen oder der Preis für Obst und Gemüse? Was geschieht auf unseren Anbauflächen? In vielen Ländern, in denen Obst und Gemüse gut wachsen und einst zur normalen täglichen Nahrung und Kultur gezählt haben, nimmt die Hungersnot und die Erosion und überhaupt alles angeblich zu, weil dort nur noch für uns reiche Europäer angebaut wird. Und dieses Obst und Gemüse ist dann auch noch günstiger. Und ist dann alles, was teurer ist, wirklich so bio und menschen- und umweltfreundlich??

Ich beginne Menschen zu verstehen, denen das ein oder andere in ihrem Leben egal ist, woher es kommt, wie es produziert wird, welche Folgen es für die Umwelt hat. Sie haben einfach weder die Zeit, noch das Geld, noch die Kapazität, sich darüber Gedanken zu machen. Zum Beispiel wollte ich heute eine Fusselbürste kaufen. So eine altmodische, die aus samtähnlichem Stoff besteht und die man so umdrehen kann, damit man mit und gegen den Strich oder mit links und rechts bürsten kann. Ich finde zwar die Kleberollen auch praktisch, aber sie haben halt immer einen Plastikstil und produzieren Müll. Und was soll ich sagen? Es gibt sie im größten Drogeriemarkt unserer Stadt schlichtweg nicht mehr. Sie werden nicht mehr nachgefragt oder nicht mehr angeboten. Was soll das? Ich hatte schon mal über all die blöden Plastikspiele, Becher und so weiter geschrieben, Stammleser können es vermutlich nicht mehr hören/lesen, aber ich finde wirklich, dass die Verbraucher in Extremwerte getrieben werden und einige wenige sich alleine dagegen stemmen – und verzweifeln und ihr Leben dann damit vergeuden. Ich leider nicht mehr. Das waren garantiert meine letzten Trauben dieser Art. Sooooooo wahnsinnig gut waren sie auch nicht und ich hab einen ganz entzündeten Gaumen. Sooooooo bio können sie also auch nicht gewesen sein. Ich weiß schon, warum ich sie verarbeitet lieber mag. Werde mich jetzt einem Glas davon widmen.

Scheinheiligkeit

Einen guten Monat war ich nicht in Rom. In der Zwischenzeit ist mein Oleander nicht mehr beleidigt und knospt wieder, was mich sehr froh macht, die Baustelle unter unserer Wohnung scheint sich in den Endzügen zu befinden und viele, viele einst gefährlich löchrige Straßen sind neu asphaltiert. Ich bin bereit, dies völlig unserer zauberhaften Bürgermeisterin Raggi anzuhängen. Weil sie eine Frau ist und damit pragmatisch. Sie schreibt sich nicht irgendwelche nie zu erreichenden hehren Ziele auf die Fahne, sondern fängt dort an, wo auch wirklich etwas zu erreichen ist. Das mag dann nicht so spektakulär sein wie ein Vorhaben alla „Ich mache Rom wieder zur Nummer eins unter allen Städten“, aber es erleichtert den Menschen den Alltag, macht sie froh, rettet vielleicht auch Leben. Es hat etwas von Demut den kleinen Dingen gegenüber, ohne die große Dinge gar nicht erst möglich wären, von Füßewaschen bei Mafiosi oder von kleinen freundlichen Gesten im Alltag. Männer mögen solche Gesten nicht immer so gerne. Sie sind nicht spektakulär und effekthascherisch genug, um zu gefallen. Im Stillen wirken ist nicht jedermanns Sache.

Wer WhatsApp hat, ist auch oft in WhatsApp-Gruppen. Das liegt in der Natur der Sache. Das hat viele Vorteile. Man muss nicht jeden Einzelnen anschreiben, um eine Verabredung festzuzurren und lernt ganz nebenbei auch noch seine Mitmenschen besser kennen. Da schreibt zum Beispiel einer, dass in seinem Hotel vier Hundewelpen ausgesetzt wurden und ob nicht einer zufällig einen unterbringen könnte, er selbst würde einen mitnehmen. Um kurz vor Mitternacht kommt dann die große Moralkeule , ob man denn auch alle afrikanischen Kinder adoptieren würde oder gar selbst hinführe, sich um sie zu kümmern. Bäng. Groß rausgekommen, Gutmenschentum unter Beweis gestellt, einem, der ganz harmlos und nebenbei entschlossen ist, eher was Gutes als gar nichts zu tun, eine übergebraten und all das, ohne auch nur einen Finger gekrümmt zu haben. Vermutlich noch nach einer Flasche Weißwein vom Sofa aus. Ich habe ziemliche Probleme mit solchen Menschen. Menschen, die nichts tun als die Taten anderer klein zu reden, die es nicht sehen können, wenn andere auch etwas leisten. Das ist das Gegenteil von gut in meinen Augen und hemmt wie ein böses Perpetuum Mobile den Kreislauf des Guten.

Wenn wir an einem Tag wie diesem – Ostern, dem Tag der Auferstehung – bleiben, ist es auch unchristlich. Denn letztlich zählen Taten, wie klein auch immer und nicht blödes, unnützes Daherreden. Natürlich wäre es ganz wunderbar, mit einem Satz alles Elend auf der Welt zu beheben, aber gar nichts zu tun oder das Engagement anderer zu verhöhnen oder zu schmälern, nur weil man selbst den Arsch nicht hochkriegt und sich ärgert, dass ein anderer besser ist, macht mich sehr zornig. Das muss schon jedem selbst überlassen bleiben, wofür er sich engagiert, solange er damit was Gutes tut. Denn letztlich zieht das Gute immer seine Kreise – egal, wo es seinen Anfang genommen hat. Sicher beginnt es nicht mit bösartigen Kommentaren von einem Sofa aus. Eher mit dem Asphaltieren von Straßen und dem Adoptieren von kleinen Hunden. Frohe und tätige Ostern wünsche ich allerseits!

Trittbrettfahrer

Auch wenn wir hier, wie immer wieder gesagt und auch kaum verdächtigt, kein politischer Blog sind, kommen wir nicht umhin, den aktuellen Ereignissen Tribut zu zollen. In ihrer Schrecklichkeit und in ihrer Monstrosität. Es scheint frivol, von römischen Begebenheiten oder Reisevorbereitungen zu berichten. Fast alles scheint unangemessen. Als ich die Nachricht gestern völlig unvorbereitet erfahren habe, einfach so, im Gespräch, war ich so entsetzt, dass ich ein ganzes Land hindurch geweint habe. Warum gerade bei dieser weiß ich nicht. Vielleicht weil keine „echten“ Waffen verwendet wurden oder weil ich vor zwei Wochen dort war? Der Freund, den wir damals dort besucht haben, schrieb mir auf meine Frage, ob es ihn auch so träfe: It’s their disease, not ours. Das ist klug und in seiner Schlichtheit bestechend. Menschen, die das tun, sind krank. Wir nicht.

Vielleicht erschüttert mich das alles auch deshalb so sehr, weil es die Tat eines Trittbrettfahrers ist, die ich schon seit Anbeginn all diesen Wahnsinns für die größte Gefahr erachte. Loser, die es überall auf der Welt gibt und die ihr erbärmliches Wichtelleben mit einem großen Abgang küren möchten. ‚Suicide by cop‘ heißt das unter Profis, Selbstmord durch Polizisten. Das war das Motiv des Irren im Kino neulich ebenso wie das am Nationalfeiertag in Nizza, denn all diesen Menschen ist eines gemeinsam: sie haben nicht genügend Charakter, sich für oder gegen eine Sache einzusetzen, gar zu opfern. Ihre Leben betrachten sie ganz realistisch als gescheitert und beendenswert. Es steckt nicht mal die Flamme der Begeisterung, der Überzeugung dahinter, sie hängen sich einfach an etwas dran, konsumieren es. Wie Trittbrettfahrer das eben tun. Wie der IS es nun auch mit dieser Wahnsinnstat in Nizza tut.

Die Gesellschaft, die Welt hat seit Jeher mit diesen Parasiten der Aktiven zu tun und muss sich damit auseinanderzusetzen. Und solches Verhalten ist beileibe nicht auf große gesellschaftliche, wirtschaftliche oder terroristische Ereignisse zu beschränken. Auch hier, in unserem Blog, der von meiner Seite niemals beworben, erwähnt oder öffentlich benannt wurde, habe ich die Erfahrung gemacht, dass es zahlreiche Konsumenten gibt, die mir auch sehr regelmäßig im täglichen persönlichen Leben begegnen und die mich noch kein Mal darauf angesprochen haben, niemals Farbe bekannt haben, aber doch immer schön still und heimlich an meinem, unserem Leben teilnehmen. Zum Glück völlig ungefährlich.

Kindisch im Flugzeug

Zum Glück fliege ich nicht so oft wie andere Menschen in meinem Umfeld, aber schon die paar Male genügen, um mich zu wundern. Nämlich über manche Mitflieger. Die schauen zwar bei den Sicherheitsmaßnahmen gelangweilt weg, benehmen sich aber beim Ein- und Aussteigen so als wären sie zum ersten Mal auf einer Flugreise. Oder sie sind schlichtweg unverschämt. Es beginnt im Zubringerbus, wenn alle nur reinhüpfen und dann in der Türe stehenbleiben. Regelmäßig muss dann der Busfahrer kommen, die Leute in die Gänge scheuchen, damit mehr als die zwölf Hanseln reinpassen, die bislang drinnen stehen. Unter Gebrummel und Gemaule weichen sie dann widerwillig in die Gänge zurück und schauen mit bösen Augen auf die Eindringlinge von außen.

Im Flugzeug selber wird es dann nicht besser. Koffer, die Überseeformat haben, werden in die Gepäckfächer gestopft und weil es ja noch Platz gibt, werden sie kreuz und quer postiert, hier noch ein Hütchen drauf, dort eine Louis Vuitton Tasche oder ein kleines Laptoptäschchen. Dann gemütlich hinsetzen und feststellen „boah, wir sind ganz schon voll heute!“ Wer danach kommt, hat halt Pech. Natürlich hat das zugenommen, seit es bei allen Fluggesellschaften verschiedene Tarife mit oder ohne Gepäck gibt. Dass man bei den sogenannten Billigfliegern, wo einem die Knie an der Sitzlehne anstoßen nicht gerne große Taschen unter dem Vordersitz hat, kann ich ja noch verstehen, aber bei unserer guten Lufthansa ist das für die meisten Menschen größenmäßig wirklich kein Problem. Sie quieken dann aber lieber, weil ihr Strohhut verdäumelt wird oder die Handtasche umkippt.

Ganz besonders drollig finde ich Menschen, die sich nicht mal für eine Stunde voneinander trennen können und unglaubliche Sitzplatz-Tauschmanöver mit Mitreisenden anstrengen, um nur ja nicht getrennt fliegen zu müssen. Es ist an sich nicht viel anders als im Schulbus früher. Und das zeigt wieder einmal, dass die meisten Menschen zwar älter und vielleicht noch wohlhabender, keinesfalls aber reifer werden.

Ich kleb Dir gleich eine

Für Kinderlose ist Vieles schwer verständlich. Weil sie – hm, wie kann man das jetzt diplomatisch sagen – wie Erwachsene denken? Nein, das kommt völlig falsch rüber. Weil sie weiter denken? Weil sie denken? Egal. Für Eltern steht das Kindswohl an erster Stelle und das ist selbstverständlich auch das Allerwichtigste und auch wenn das Kind entscheidet, was wichtig und wohl ist, sind die Eltern qua Amt verpflichtet, es heilig zu halten und zu erfüllen. Das Kind weiß schließlich am besten, was gut für es ist und was nicht. Und dass Klebebücher jeglicher Art gut für Kinder und Klebebuchproduzenten sind, liegt doch wohl auf der Hand. Ohne viel Zutun und eigene Anstrengung werden wie von Zauberhand schöne, bunte Welten geschaffen und lassen sich in der kindlichen und elterlichen Einbildung trefflich als selbst geschaffene Werke verkaufen. Eltern müssen nicht helfen und die Kinder schauen dennoch kein Ipad, alles prima.

Mit Klebebüchern lernt das Kind auch gleich die wichtigste Lektion im Leben: Vorgefertigtes als eigene Leistung auszugeben. Wozu malen lernen? Warum anstrengen? Ist doch viel einfacher mit diesen Büchern. Klar gibt es Kinder, die währenddessen nachdenken, sich über die Kombinationen der Tiere im Zoo Gedanken machen: ist es tatsächlich eine gute Idee, einen Löwen ins Ziegengehege zu kleben? Aber das sind die Ausnahmen. Ich finde diesen Beschäftigungstrend besonders deshalb schwierig, weil motorische Fähigkeiten bei Kindern eh schon deutlich abgenommen haben und zwar nicht beim frühkindlichen Golfenlernen, sondern eher bei schlichten Aktivitäten wie schreiben, Stift halten generell oder radfahren und klettern. Dass all diese scheinbar einfachen Fertigkeiten immens wichtig sind, wird auch auf anderen Gebieten deutlich.

Neulich sagte eine Bekannte zu mir: das mögen meine Kinder nicht so gerne, da müssen sie so viel kauen. Ja um Himmels Willen! Wer nicht kaut, verdaut nicht und wer alles unzerkaut schluckt, trifft keine Entscheidungen. Deshalb wachsen Zähne ungefähr in dem Alter, in dem ein Kind auch seine intellektuellen Fähigkeiten erlernt und die Welt wahrzunehmen beginnt. Kauen, ausprobieren, lernen sind die Basis für ein selbstbestimmtes Leben, nicht Beethoven im Bauch hören oder Chinesisch im Kindergarten lernen. Eigentlich wollte ich über den unseligen und meiner Meinung nach kriminellen Panini-Bilder-Hype schreiben, aber meine trainierten und selbständigen Finger wollten offenbar etwas Anderes. Das hat man jetzt davon, dass es früher keine Klebebücher gab.

Dick, krank, aber ehrgeizig

So, ich fasse die Ergebnisse der Studien, die in den letzten Tagen veröffentlicht wurden mal kurz zusammen: Es gibt mehr übergewichtige (und hier reden wir nicht von den fünf Standardkilos, die fast jeder runter haben möchte) als untergewichtige Menschen. Und zuckerkrank sind sie dann auch noch. Besonders englischsprachige und arme Länder sind von dieser Entwicklung betroffen. Dafür werden die Eltern in der westlichen Welt immer ehrgeiziger und schlagen sich bei öffentlichen Ostereiersuchen mit ihren Konkurrenten oder zerren plärrende Kleinkinder beim Kindermarathon über 40 (sic!) Meter an einem Arm über die Ziellinie. Dabei hören bereits werdende Mütter CDs, die die Gehirne ihrer Kinder im Bauch zu Höchstleistungen stimulieren sollen.

Weil sie andererseits meist nicht willens sind, ihre hart erkämpften Abteilungsleiterjobs aufzugeben, sind sie dann am Abend zu ermattet, um etwas zu kochen, sondern greifen zu einer praktischen Fertigmenülösung oder – ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie man sich abseits von normalem Kochen ernährt – was die Industrie auch sonst immer an kruden Ideen hervorbringt und was erwiesenermaßen zu Übergewicht führt. Vom Kindergarten und der Schule wird in dieser Zeit erwartet, dass die Brut gefördert wird und auf die Einzigartigkeit der verstörten, sozial inkompetenten Kinder eingegangen wird. Das Kind soll schließlich trotz aller emotionalen Mängel zuhause perfekt und geländegängig auf alle elterlichen Launen und Befindlichkeiten reagieren können. Und am besten mit vier Jahren einen Marathon mitlaufen und gewinnen.

Wer kommt auf eine solche Idee? Ein Marathon für Kinder? Wenn ich ab und zu im Wald bin, früher täglich, sehe ich Kinder, die hinter ihren joggenden Eltern herhechteln müssen und es ist ein so unnatürliches Bild als würden sie in High Heels bei einem Galadinner sitzen und Konversation machen. In dieser Lebensphase kann und darf es noch nicht um das so lange Durchhalten gehen, zu Vieles gibt es noch zu lernen, als dass man sich mehr als fünf Minuten aufs Durchhalten konzentrieren könnte. Ach, darüber haben wir schon so oft gesprochen, es ist doch immer wieder Dasgleiche. Kinder, Partner und Hunde haben bedeutet auch, dass man sich selbst zurück nimmt und etwas dafür tut. Andere schimpfen, dass sie das eigene Kind besser erziehen oder ihm beim öffentlichen Ostereiersuchen das größte Nest vom gegnerischen Vater erkämpfen, kompensiert keine emotionale Verwahrlosung.

Sic transit gloria mundi

Ich war heute sehr spontan bei meinem Augenarzt. Heute Morgen am Schreibtisch habe ich mit zunehmender Irritation Schwierigkeiten gehabt, einen Brief richtig gut zu lesen. Andererseits ist es auch eine große Frechheit, so klein zu schreiben. Geiz möchte man es nachgerade nennen. Da ich ungeklärte Defekte nicht gerne hinnehme, habe ich sofort beim Augenarzt meines Vertrauens angerufen und einen Termin vereinbart für nächste Woche, da „der Herr Doktor nur Montag und Dienstag Nachmittag da ist“. Heute sei doch auch Dienstag, hat er denn nicht auch heute was frei? Doch, an sich schon, wenn das ginge? Ja, geht. Denn dann hab ich das aus dem Kopf und werde bald wieder wie in Adler durchs Leben segeln.

Kaum in der hochmodernen Praxis angekommen höre ich auch schon seine Stimme, die eine Arzthelferin davon abhält, einen wirklich scheußlichen Zettel an die Glastüre der picobello schönen Praxis zu kleben. Ob man diese Textzeilen nicht auch schöner ausrichten und schreiben könnte? JA!!!!! Endlich spricht mir mal jemand aus der Seele. Ich kann einfach nicht verstehen, warum Aushänge, seien sie von Hausmeistern oder Verwaltern oder Geschäften, die Aushilfen suchen, offenbar niemals gegengelesen werden? Gibt es in keiner Firma, Praxis, Kanzlei mehr Menschen, die der deutschen Sprache mächtig sind? Von Interpunktion wollen wir jetzt gar nicht anfangen. Aber wenn ich einen Aushang mache, ja Herrgott nochmal, dann frag ich halt jemanden, ob es so richtig ist. Die meisten dieser Institutionen leben doch von den Menschen, die sie da orthographisch vor den Kopf stoßen. Das hat doch mit Respekt zu tun.

Ähnlich dachte wohl auch Professor Zoz, als er seinen Aufruf startete, dass er sein Unternehmen generell sehr gerne interessierten Schülern öffne und ihnen auch Ausbildungs- oder Praktikumsplätze anbiete, allerdings sollten sie ordentlich gekleidet sein, die Füße beim Laufen anheben und eine verständliche Sprache sprechen. Der Mann ist unwesentlich älter als ich und ich muss mir selbstkritisch die Frage stellen, ob wir einfach einer älteren, verbiesterten Generation angehören, die den Schuss nicht mehr gehört hat und einfach mal chillen sollte. Aber im Ernst: Was ist heute noch wichtig? Kleidung nicht, Sprache nicht, interpersonelle Kommunikation oder gar Interaktion nicht. Was also?? Ich habe den Anschluss verloren, fürchte ich. Vielleicht gar nicht so schlecht, dass ich ein klitzekleines bisschen schlechter sehe. Presbyopie hat mein charmanter Augenarzt es genannt. Man könnte auch Alterssichtigkeit sagen. Er hat dann noch frech nachgeschoben „Sic transit gloria mundi“ und wollte es mir übersetzen. Leider verstehe ich Beleidigungen auch auf Lateinisch. Ist auch nicht immer eine Freude.

Hilfe! Ein Forum!

So, ich muss den Blog / das Blog (für Intellektuelle und Rechthaber, wie ich sie heute mehrfach erleben durfte, also die Rechthaber, nicht die Intellektuellen!) heute mal zum Empören verwenden. Das hat einen schlichten Grund, ich wollte so richtig modern sein und mit der Zeit gehen. Bei einem großen Versender, meinem Lieblingsversender, wenn es nicht um Mode geht, habe ich gestern dem steten Drängen nachgegeben und ein Probeabo abgeschlossen, das mir meine bestellte Körpercreme tatsächlich heute gebracht hat. Zusätzlich, so wurde mir mitgeteilt, kann man auch Filme anschauen und weil ich eine lange Zugfahrt vor mir habe, dachte ich mir, oh, wie prima, dann borg ich mir so einen Film aus und vertreibe mir die Stunden und sitze wie alle anderen mit meinen todschicken Kopfhörern da, tippitoppi. Nur weil ich kein Facebookzeugs habe und meine Fotos nicht der ganzen Welt zeige, heißt das nämlich noch lange nicht, dass ich hinter dem Mond lebe.

Hab also einen Film ausgesucht, mich informieren lassen, dass ich ein Programm runterladen muss, vorher informieren lassen, dass auf meinem (nagelneuen state-of-the-art) Macbook kein HD abgespielt werden kann (Hallooooo, wir haben das sozusagen erfunden!!!) und dann – nach dem dritten Download des blöden Abspielprogramms – auch noch die Seite aktualisiert und dann ging auch alles. Nur das Abspeichern von diesem Film nicht. Aber bitteschön, warum sollte ich den Film ausleihen, wenn nicht, um ihn offline zu schauen? Das wollte ich unkompliziert in einem Hilfsforum klären. Und dann durfte ich erleben, was da für Menschen drin rumwerkeln. Solche saublöden Rechthaber, Oberlehrer und Belehrer hab ich ja noch gar nirgends auf der ganzen weiten Welt erlebt! Also ich war fassungslos und nach dem zweiten pampigen Wikipediazitat habe ich sofort die Email-Benachrichtigung abgestellt und mir vorher aber angesehen, wie nützlich die Rezensionen der teilnehmenden Flegel bewertet wurden.

Naturgemäß alle schlechter als meine. Rotzlöffel. Haben wahrscheinlich seit Jahren keinen netten Abend (mehr möchte man ja gar nicht mehr erwarten, wenn man so ein widerwärtiger Rechthaber ist) mehr gehabt. Daraufhin bin ich wieder zurück in die analoge Ohr-zu-Ohr-Kommunikation, hatte dort auch noch eine naseweise Amerikanerin dran und habe all das mit sofortiger Wirkung storniert. Sie wollte noch drollig werden, dass ich den Film ja schon angefangen hätte, aber ich konnte durch gezieltes Fragen auch bei ihr durchsickern lassen, dass ich den 1 Stunde 53 dauernden Film vor 12 Minuten gekauft hatte und vermutlich eher versehentlich auf Play gekommen war und der Schaden noch überschaubar sein müsste. Vermutlich weil es das einzige war, was ich überhaupt verstehen konnte auf der ganzen Seite. Sie wollte nochmal widersprechen, hat sie dann aber nicht und mir alles erstattet. Also wirklich. In Zukunft ruf ich wieder gleich an.

Manche Männer und Menschen

In einer fröhlichen Tischrunde fiel zu später Stunde einmal der denk- und zitierwürdige Satz: „Das gilt jetzt aber für alle Menschen, auch für Männer!“. Was haben wir gelacht und uns auf die Schenkel geklopft. Das ist so lange lustig, so lange man leben kann wie wir es zum Großteil tun. Vielen Frauen hingegen mögen Männer durchaus wie eine völlig fremde Spezies erscheinen. Eine, die aus Spaß oder Frust zuschlägt, ausbeutet, verhöhnt, missbraucht. Wie bei den meisten Paralleluniversen bekommen wir in unserem selbst gewählten Mikrokosmos aus Freunden, Traummännern und Familie nicht sehr viel davon mit. Oft blenden wir selbst beim Medienkonsum Nachrichten mit bestimmten Inhalten einfach aus. Aber manchmal dringen sie eben doch zu uns durch. Wie die Begnadigung von Madame Jacqueline Sauvage in Frankreich. Seit ihrem 19. Lebensjahr wurde sie demnach von ihrem Mann misshandelt bis sie ihn schließlich nach 47 Jahren Martyrium erschossen hat.

Diese Frau hatte Nachbarn, hatte Familie, arbeitete in einem Unternehmen. Bestimmt haben einige gewusst, dass ihr Mann nicht gerade zimperlich war. Oder noch perfider, er war es nur zu hause hinter verschlossenen Türen nicht und in der Öffentlichkeit ein Charmeur. Die Damen, die ihr beziehungsweise das Geld ihrer Zuhälter auf den Straßen Roms verdienen müssen, werden hingegen völlig sichtbar platziert. Sie werden präsentiert, wo sie gesehen und nachgefragt werden: in aller Öffentlichkeit an der Straße. Zum Beispiel gegenüber des Pinienhains in Ostia, den Familien am Wochenende zum Picknicken, Spielen und Erholen nutzen. Wenn der Papa dann gegessen hat, überquert er die Straße und holt sich sein Dessert. Da Kontrollen und Verbote naturgemäß nichts ausrichten konnten, wurde nun zu einfacheren Mitteln gegriffen. Die Stadt hat äußerst massive und imposante Holzbalken entlang der Straße angebracht, damit Autos nicht mehr halten können. Was nämlich bei einigen Männern offenbar noch ausgeprägter ist als der Trieb, ist die Faulheit und wer nicht einfach vorfahren kann, spielt halt eine Runde Pingpong mit dem Sohnemann. Oder geht auf einen Karnevalsumzug.

Die libanesische Journalistin Joumana Haddad hat als Erklärung, Antwort und Aufruf auf all diese Umstände völlig zu Recht einen Gastbeitrag in der Zeit veröffentlicht, in dem sie – hört, hört – Ursache und Mitverantwortung solcher Miseren auf die Frauen, respektive Mütter zurückführt. Sie hätten die Möglichkeit, Kinder zu besseren Männern zu erziehen, zu Männern, vor denen sich keiner fürchten muss, zu Männern, die eben auch Menschen und keine triebgesteuerten, verwöhnten Idioten sind.

Moppelbarbie & Hitlerbär

Ich habe ein wenig in den Online-Medien gestöbert und einige Häppchen herausgepickt, die ich gerne „sharen“ möchten:
Es wird noch mehr Plastik verwendet. Und zwar für Puppen. Damit kein junkfoodsüchtiges, bewegungsvermeidendes, computerspielchattendes Kind mehr ein Unwohlsein oder den Hauch eines Zweifels am eigenen Lebensstil verspürt, wenn es denn mal analog spielt, gibt jetzt nämlich auch normale bis moppelige Barbies und damit alles mit rechten Dingen zugeht, in ganz vielen Farben mit ganz verschiedenen Haaren, auch in ganz verschiedenen Farben. Ich finde es wunderbar, denn Spielzeug soll Kinder in erster Linie wie schon Lord Fauntleroy weiß auf das große Spiel des Lebens vorbereiten und das ist nun mal vielfältig. Aber gerade diese Puppe ist eben von Haus aus ein dürres Ding. Dafür gibt es genügend andere Puppen. Die nicht so dürr sind. Oder gar einen riesigen Busen haben. Oder einen Freund.

Gibt es wirklich keine größeren Probleme? Karneval in Köln zum Beispiel? Erfundene Entführungen? Oder gar Teddybären mit Hitlerbärtchen? Ja, die gibt es wirklich. In Norwegen nehmen die Allergien bei Kindern so stark zu, dass die norwegische Herz- und Lungenvereinigung eine Kampagne gestartet hat, um mit eindeutig verkleideten Teddybären darauf hinzuweisen, dass nicht gewaschene Stofftiere genauso gefährlich sein können wie todbringende Despoten. Nun fragt man sich, warum die Bären so selten gewaschen werden? Wahrscheinlich haben die Eltern keine Zeit? Wie die Eltern, die ihre Kinder im Schlafanzug zur Schule bringen? Ich finde die Kampagne prima. Weil es das Hauptziel einer solchen, nämlich Aufmerksamkeit zu erzeugen, erfüllt. Andere hingegen finden, dass die bösen, garstigen Diktatoren eher das knuffige Image der Bären übergestülpt bekommen und man einer diese und ihre Taten dann gar nicht mehr so schlimm finden könnte. Oh mei, als ob das jemals passieren könnte in einer so bewussten Welt wie der unseren! Wo nicht mal ganz spezielle Puppen mehr ganz speziell sein dürfen. Denn mit Barbie haben immer schon spezielle Mädchen gespielt. Andere hatten Schlummerle, Bären (sic!) oder gar Meerschweinchen.

Der zeitgeistige Wunsch, dass alle Menschen alles haben, tragen und nutzen können sollen, treibt absurde Blüten. Flugzeugsitze müssen auf einen Meter fünfzig gebaut werden, damit ein sensibler 200 Kilo Mensch sich nicht benachteiligt fühlt, Packungsbeilagen für Reisewecker ins Kisuaheli übersetzt werden und wer heute noch zum lieben Gott betet und nicht zur lieben Göttin, gilt als hoffnungslos veraltet, schlimmer noch unsensibler Diskriminierer. Ich habe mal gelernt: was man kann, tut man, was man nicht kann, lehrt man. Übertragen glaube ich, dass es besser ist, mit einer Barbie zu spielen und jungen Menschen gesunde Ernährung beizubringen als ihnen vorzugaukeln, dass hirnloses Fressen schon ok ist und keine Folgen hat. Und dass man die Zeit, die man vor Computer hockt, auch mal dazu nutzen könnte, einen Teddybären zu waschen.