Reisen in Italien mit Italiener

Mal wieder ein wenig philosophischer, dafür aufregender Reisebericht.
Die wenigen Male, die ich mit meinem Mann fliege und ihn damit in die Untiefen der Billigfliegerszene ziehe, geht natürlich gewaltig was schief. Von Rom aus fliegen relativ regelmäßig diverse Flüge nach Paris und da ich meine Präferenzen ausschließlich nach Gepäckmitnahmerichtlinien definiere, stehen Ryan Air und Vueling ganz oben auf meiner Liebstenliste. Transavia verabscheue ich nicht nur wegen der engsten Sitzreihen, die es gibt, sondern auch noch, weil sie mir meinen größten Rimovakoffer ruiniert und nicht erstattet oder repariert haben. Lieber laufe ich als nochmal mit denen zu fliegen. Von Berlin aus haben sie mich letztes Jahr vier Stunden warten lassen und so bleibt dieser Entschluss fix. Vueling hingegen hat bislang nicht viel falsch gemacht. Bis heute.

Wir wollten eigentlich um sieben Uhr fliegen, haben dann aber entschlossen, dass es doch auch mal nett sei, nicht immer um vier Uhr aufzustehen, und den Flug um neun gebucht. Heute Morgen, noch mit Schaum im Gesicht, bekommt mein Mann eine Nachricht und weil er gründlich ist, hat er sie gelesen. Ich hätte das gar nicht getan, weil ich gedacht hätte, es sei nur die übliche Ankündigung, dass der Flug in zwei Stunden geht oder so. Es war jedoch die Ankündigung, dass wir anstatt um 9.15 um 13.44 fliegen werden. Hmpf. Wir haben darauf hin das Taxi abgesagt, bis ich wiederum gelesen habe, dass man doch bitte rechtzeitig am Flughafen sein solle, vor allem, wenn man Gepäck hat, was wir ausnahmsweise haben, weil mein Mann seine Garderobe aufgestockt hat….Also wieder Taxi rufen und los. Alle Flüge drumherum, vor allem der um sieben, waren superpünktlich, was mich zu touretteartigen Äußerungen veranlasst hat, immer wieder zu bedauern, dass wir nicht den um sieben genommen haben, was wiederum meinen Mann sehr verärgert hat. Aber eine Schwäche muss auch ich haben, oder?

Am Transferschalter, den ich in erster Linie deshalb aufgesucht habe, weil man mir dort Brötchen und Wasser versprochen hatte, waren riesige Schlangen voller aufgeregter Menschen und nachdem ich kläglich angesichts weitaus größerer Probleme der Mitreisenden (die nur noch nichts von den Brötchen wussten!!!) gescheitert bin, hat sich mein weltmännischer Mann ins Getümmel gestürzt und wurde alsbald zum Ansprechpartner von alleinreisenden Frauen mit lila Locken und großen runden Brillen und verstörten Rucksacktouristen. Er verlieh mit entschlossener Stimme dem allgemeinen Unmut Worte und gab die spärlichen Informationen mit ruhiger Stimme an verstörte Mitreisende weiter. Eine Freundin meinte, er wirke wie ein Politiker und wenn etwas stimmt, dann, dass es dem Italiener (und sei er auch nur ein halber) im Blut liegt, dramatische Situation mit dem notwendigen Ernst zu begleiten und auch weniger dramatische zu solchen zu gestalten. Es wird einfach alles mehr Puccini, Rossini, Pavarotti, wenn es in Italien und von Italienern inszeniert wird. Ich hingegen habe inzwischen vier Brötchen (riesige Dinger) und zwei Wasser abgeholt, später noch eine Tüte dazu organisiert, weil ich sie mir – aus Erfahrung klug geworden – einteile und sie mir meine gute Handtasche durchweichen. Und so kann man wieder einmal mit Fug und Recht sagen: Eine Ehe, in der der Mann Italiener ist und die Ehefrage praktische Deutsche ist wahrlich im Himmel geschlossen.
P.S. Mein Italiener hat gerade eine Revolution angezettelt und sich hinter den Boardingschalter gesetzt. Ich hatte damit geliebäugelt, aber hätte ich das getan, wäre ich – wegen falschen Timings – maximal gerüffelt worden. So ist das auch in der Oper: Timing ist einfach alles.

Gut geplant…

Spontan, beinahe überstürzt bin ich heute zu einem Spätsommerbesuch nach Rom aufgebrochen. Und dabei ist mir einmal mehr aufgefallen, dass man immer, aber wirklich immer aufpassen muss wie ein „Haftlmacher“. Landläufig gelte ich als gut organisierter und vorausschauender Mensch, nur wenn mich etwas wirklich am Herzen packt, denke ich keine Sekunde nach und sage zu oder mache es. Meistens geht es dann auch richtig gut. Besser als alles, was ich mir zurechtgeplant oder gedacht hatte. Ist wohl bei den meisten Menschen so. Dieser Besuch in Rom passte an sich nicht wirklich rein, war ein Herzenswunsch und musste sein und so habe ich mich am Sonntag beim Familienessen kurz absentiert und alles gebucht. Gewundert hatte ich mich schon da, dass alles so unverhältnismäßig teuer ist und schon so ausgebucht. So auch der Parkplatz (es ist das doofe lange Wochenende!!! Wer denkt denn an sowas???!!!). Dass meine Langzeitparkerplätze umgebaut werden, wusste ich noch nicht, aber das wäre mir auch piepegal gewesen, denn seit die Zubringerbusse dort nur noch fahren, wann sie Lust dazu haben und man schon mal ein Taxi herbeiwinken muss, was die Mischkalkulation empfindlich aus dem Gleichgewicht bringt, haben die mich als Stammkunden so was von verloren! Dafür hab ich – leider schon nach dem Genuss köstlichen Roséchampagners und wunderbaren Rieslings – ein Parkhaus gebucht, das mit großer Terminalnähe geprotzt hat und über das ich mir keine weiteren Gedanken gemacht habe. Warum auch? Ist ein Parkhaus, keine Handtasche. Ja, von wegen! Dann habe ich mich – und das ist eine kleine Schwäche von mir – nicht mehr mit dem Thema befasst. Denn ich denke mir dann meist, jetzt hast Du alles gut geplant, kannst es weglegen und dann wird schon alles passen und gut gehen.

Bis kurz vor dem Flughafen war auch noch alles gut, ich habe mit meiner Mutter telefoniert und dann begann das Drama (das kann ja auch mal in anderer Reihenfolge sein, wie alle, die Mütter haben, wissen). Jedenfalls: Dieses Parkhaus gibt es nicht! Zumindest nicht dort, wo alle ordentlichen Parkhäuser sind. Es war noch ganz früh und ich wollte meinen Mann nicht anrufen und im Übrigen könnte ich das ja auch nicht, wenn ich gar keinen hätte. Habe ich aber zum Glück und deshalb hab ich ihn dann doch angerufen, weil zum ersten Mal keine Polizei zum Fragen da war (ich liebe es, Polizisten zu fragen, das ist eine ganz ähnliche Motivation wie vor über 35 Jahren (sic!), als ich mit meinem Opa in Kenia einen Haifisch bestellt hatte, weil ich die Vorstellung beruhigend fand, diejenige zu sein, die ihn zuerst isst und nicht umgekehrt. Man muss dazu sagen, dass ich mich sogar in einem Pool vor Schatten unter mir fürchten kann!). Unter Mühen haben wir es dann gefunden, vor allem, weil mein Mann erstaunlicherweise mit meiner Standortbeschreibung „rechts sind Flugzeuge hinter einem Zaun“ nichts anfangen konnte. Aber wenn er die Antwort nicht verträgt, darf er – so finde ich – auch nicht fragen, was ich sehe. Egal, unter größten gemeinsamen Anstrengungen haben wir es dann gefunden. Es ist ein scheußliches Parkhaus mit Gitterboden und sehr verwirrend. Dafür offenbar das Parkhaus der Wahl von allen Profis. Bin in ca. 20 Stewardessen reingerannt als ich kopflos versucht habe, mich zurecht zu finden. Schon beim letzten Mal hab ich so ein verlassenes Gebäude am äußersten Eck des Flughafens gefunden.

Über eine Luftbrücke oder so ähnlich kam man zur S-Bahn!!!! Und dann muss man auch noch aufpassen, dass man nicht in die Stadt fährt. Dafür habe ich entzückt festgestellt, dass man mit der S-Bahn aus der Stadt eins A direkt vor Terminal 2 fahren kann. Also da gibt es ja wahrlich gar keinen Grund mehr, ein Taxi zu nehmen. Würde ich ja niemals machen! Ich habe natürlich ab dann alles wunderbar gefunden und bin mir sicher, dass P81 das neue P41 werden wird und ähnlich wie die von mir entdeckte und weitermissionierte Diktierfunktion am Handy künftig in aller Munde und aller Gebrauch sein wird. Bin sehr stolz, dass ich meinen Horizont so dermaßen erweitert habe und als ich dann meinen Mann auch noch dabei erwischt habe, dass er meinte, ich hätte bestimmt einen Sitzplatz hinten bekommen und bräuchte ewig zum aussteigen (er war noch nicht am Flughafen, hihihi), war ich sehr von mir und meinen globetrotterischen Planungsfähigkeiten überzeugt. Ich werde diese Aufregungen nun bei etwas feiern, von dem ich wirklich was verstehe: einer Pasta und einem Glas Wein in der Stadt! Die ist noch da, wo sie hingehört und wenn man sich mit der Vespa verfährt, ist das überhaupt kein Drama. Denn….alle Wege führen nach Rom!

Muskeltraining für Pflanzen

Ich bin seit sehr sehr vielen Jahren verheiratet. Und wie es richtig und wichtig ist, hat sich bei uns eine traumhafte Streitroutine entwickelt. Sie kreist fast ausschließlich um wenige Themen. Eines, ein ganz sicheres, ist zum Beispiel die Bewässerung unserer Terrasse. Mein Mann hat über die Jahre hin weg ein perfekt ausgeklügeltes System entwickelt, mit wirklich großer Anstrengung die Rüssselchen verlegt, ausgetauscht und justiert und alles wohl bedacht. Es könnte alles perfekt sein. Wären da nicht ein paar Aspekte, die unweigerlich und immer zuverlässig zum Streit führen:
– ich mag es bei Tisch und bei Untertöpfen, wenn man das Übermaß spürt und sieht, ich verzweifle, wenn leere Schüsseln auf dem Tisch stehen, weil ich fürchte, meine Gäste sind nicht satt geworden und ein leerer Untertopf lässt nagende Zweifel, ja Panik in mir aufsteigen.
– ich entdecke immer mal wieder Pflanzen, die zwar Rüssel haben, aus denen aber nichts mehr rauskommt, weil sie verkalkt sind.
– manchmal verkümmert eine Pflanze!!!!

Mache ich meinen Mann – mal mehr, mal weniger forsch, panisch, diplomatisch – auf den Missstand aufmerksam und kommen weitere Stressoren hinzu, zum Beispiel eine weitere kleine Vergesslichkeit von seiner Seite, dann sind wir bereits nach zwei Sätzen, ach, was sage ich, nach einem, mitten drin. Der Streit schwingt sich je nach Grundschwung zu schwindelerregenden Höhen, geht ums Ganze, findet seinen Höhepunkt darin, dass wir die Wohnung verkaufen, uns trennen, nie mehr Planzen gießen und endet damit, dass mein Mann einen weiteren Rüssel irgendwo anbringt und ich anerkenne, dass er das eigentlich alles ganz wunderbar macht, was ja auch genaugenommen stimmt. Jetzt werden Sie sich fragen: Warum plagt die ihren Mann so? Warum macht sie es nicht einfach selbst? Wissen Sie, dass ich mich das oftmals selbst frage? Die Antwort ist erschütternd einfach: ich verstehe inzwischen dieses blöde Programmierdings nicht mehr und fürchte mich davor. Außerdem hat mein Mann – er war und ist eine Sportskanone – einen Trainingsplan für meine Pflanzen entwickelt, bei dem ich als bekennend Unsportliche einfach nicht mitkomme: Er trainiert die Pflanzen, gibt ihnen mal mehr, mal weniger, damit sie sich anstrengen, aus den Untertöpfen trinken, mehr Wurzeln ansetzen und kräftiger werden. Ja, so ist er! Bei mir musste er das leider aufgeben, aber die können ja nicht aus ihren Töpfen.

Inzwischen – so muss ich mit Stolz sagen – saust mein Mann über die Terrasse, beäugt jede Pflanze (gut, die Hortensie hat er neulich übersehen, aber dafür hat er ja mich!), justiert hier und zupft dort und gerade eben hat er empört ein gelbes Blatt vom Oleander geholt. Denn das ist etwas, was ich auf den Tod nicht ausstehen kann: Gelbe Blätter an MEINEN Pflanzen. Mittlerweile ordne ich alle Pflanzen in meiner Umgebung, auch Kübelpflanzen vor Restaurants oder in Banken, meinem Aktionsradius zu und zupfe an ihnen herum, was die ein oder andere meiner Begleitpersonen durchaus in Verlegenheit bringen kann. Egal, wie es ist, ich glaube, wir blicken einer wunderbaren gärtnerischen Zukunft im Alter entgegen und vielleicht reichen wir uns gegenseitig unsere Herztropfen, bevor wir in den Garten oder auf die Terrasse gehen.

Ferragosto

Hätte ich keine Ahnung, welcher Tag heute ist, hätte ich es heute Morgen beim Aufwachen dennoch gewusst. Wegen dieser allesumfassenden und totalen Ruhe. Der kompletten Abwesenheit von Geräuschen. Keine Autos, nicht mal aus der Ferne, keine Kinder, keine Vögel, ja sogar die lästigen Grillen in den Schirmpinien hinter dem Haus halten die Füße still (angeblich machen sie den wahnsinnigen Lärm mit ihren Hinterbeinen, man sollte meinen, sie hätten Besseres damit zu tun, aber bitte!). Es ist die typische einzigartige und unverwechselbare Ferragosto-Stille. Nun ist das gesamte Land endgültig zum Stillstand gekommen. Fast alle sind weg und die, die heute oder gestern arbeiten müssen, tun dies entweder mit Grandezza oder mit schierer Rachsucht. Wie zum Beispiel diese elende Polizistin, die aus dem Auto heraus Falschparker in meiner kleinen, armen Straße fotografiert hat. Leider hat sie auch mich vor dem Obsthändler erwischt. Ich mag gar nicht dran denken. Ich rege mich da so fürchterlich auf, vor allem, weil sie eigentlich immer nur den deutschen Autos so hohe Strafzettel machen. Aber das ist jetzt ein ganz anderes Thema.

Angesichts dieses hohen Feiertages haben wir beschlossen, dass auch uns ein freier Tag zusteht und uns bei Pasquale für heute frei genommen. Er hält das für eine kluge Entscheidung, weil alle bei ihm sind und wir damit Rom für uns haben werden, was keine schlechte Sache ist. Gestern in Trastevere stellte sich die Situation zwar etwas anders dar, aber auf dem Weg dorthin hatten wir bisweilen den Eindruck, Überlebende nach einer Invasion von Außerirdischen zu sein. Wirklich niemand war auf den Straßen unterwegs. Das ist der Zauber von Rom im August. Diese Stille und das Gefühl, dass einem die Stadt gehört. Ruhe, wo sonst Hektik ist, überall heruntergelassene Rollläden mit bunten Schildern dran (chiuso per ferie) und freie Parkplätze so weit das Auge reicht. Selbst die Piazza di Spagna ist beinahe menschenleer.

Ich weiß es ganz genau, dass ich schon letztes Jahr über den Luxus eines freien Tages im Urlaub geschrieben habe (der war wetterbedingt) und auch dieses Jahr bin ich entzückt von der Vorstellung, mich vom Bett unter dem Ventilator hinaus auf mein Eisensofa mit tausenden von Kissen und dann vielleicht wieder zurück auf die vordere Terrasse zu bewegen und dem Schatten nachzurobben. Am Spätnachmittag plane ich eine kleine Exkursion mit dem Roller, ansonsten gar nichts. In meiner Kinderzeit, die wir immer am Meer verbracht haben, war Ferragosto der Tag der Rache meiner Eltern. Ich musste bis zum Feuerwerk wach bleiben, durfte nicht einschlafen, weil ich normalerweise nicht gerne (wie alle Kinder nehme ich an) ins Bett gegangen bin und es gab Emmentalerkäse mit Oliven auf Zahnstochern. Diese erzieherische Maßnahme hat offenbar so gewirkt, dass ich noch heute eklatante Probleme erstens mit Feuerwerken und zweitens mit dem Abends-wachbleiben habe. Sei es, wie es ist: Ich liebe Ferragosto und würde immer versuchen, diesen besonderen Tag in irgendeinem Teil von Italien zu verbringen. Am liebsten natürlich in meinem geliebten Rom.

Neues (naja) vom Strand

Es ist Zeit, vom Strand zu berichten. Wir waren nun zwei Tage dort und ich kann mit großer Freude berichten, dass sich nichts Wesentliches verändert hat. Außer, dass Luca, der neue (nun ja, sind auch schon fünf, sechs Jahre….wenn nicht mehr) Restaurantpächter den Laden so runtergewirtschaftet hat und sein Geld in so viel Krimskrams wie ein weißes Klavier, weiße Vogelkäfige, Unmengen von Wein, der „dekorativ“ im Restaurant gelagert wird, kleine Muscheln und Seesterne und so weiter und so fort, gesteckt hat, dass leider nichts mehr für die Fischauktion übrig geblieben ist und es kaum noch frischen Fisch gibt. Unsere lieben Freunde Herminia und Roberto fahren inzwischen mit ihren über achtzig Jahren sonntags zu Mittag hin und wenn es keinen frischen Fisch gibt, fahren sie wieder heim. Roberto ist da pingelig, schließlich hat er selbst über Jahrzehnte im Zentrum einen Fischstand gehabt. Pasquale selbst turnt wie eine fröhliche Haselnuss durch die Anlage und ich fürchte, er wird sich nicht mehr unter das Joch des Restaurantbetriebes begeben. Schöner könnte es für ihn eh nicht sein. Alle trauern ihm nach, weil der Neue es nicht besser kann als er. Was auch fast unmöglich gewesen wäre, denn kein Mensch ist je wegen eines dekorativ gespannten Fischernetzes oder eines weißen Flügels dorthin gefahren!!

Schon komisch, dass der Mensch sich so gegen Veränderungen sträubt. Derweil sind manche, die meisten gut. Und man gewöhnt sich so schnell dran, dass man sie schon nach kürzester Zeit wieder mit Zähnen und Klauen gegen neue Veränderungen verteidigt. Hängt das alles nur mit den Basalganglien zusammen, über die wir schon so oft gesprochen haben? Ich habe mir vorgenommen, sofort daraus zu lernen und Luca ganz wunderbar toll zu finden und ihn mit sofortiger Wirkung als neuen Restaurantbetreiber anzuerkennen. Habe sogar alkoholfreies Bier bei ihm bestellt, aber wahrscheinlich bekomme ich es nicht, weil er kein Geld hat, es zu bezahlen. Nicht mal mehr die selbst gebackenen Kekse gibt es mehr in ordentlicher Menge. Massimo musste uns gestern welche aus der Küche zusammenklauben. Ein Elend. Andererseits hat es das Gute, dass wir mittags nur einen Salat und Sardinen essen und somit abends ausgehungert mit der Vespa in die Stadt rasen. Heute und morgen machen wir damit allerdings Pause, weil es über 40 Grad haben soll und es schon gestern mit 35 ziemlich warm war beim Essen. Schlimmes Schicksal, ich weiß.

Abgesehen von diesen Änderungen, besser gesagt Entwicklungen, ist alles mehr oder weniger gleich geblieben. Wir haben unseren Platz in der ersten Reihe, natürlich neben dem Capo und seiner Gemahlin und auch der Freund der Fußballer ist wieder da. Er liegt mit seinem weißblonden Haar nach wie vor direkt an der Riva in der Sonne und spechtet den Mädels nach. Und hat er uns die letzten fünf Jahre geflissentlich ignoriert, ist er nun redselig und mitteilsam und grämt sich darüber, dass ich so viele Zentimeter mehr habe als er, der er sie doch deutlich dringender brauchen könnte als ich. Auch unser Marrochino ist mit seinen Handtüchern wieder da und zu meiner großen Belustigung habe ich gestern erfahren, dass er der „marrochino marchegino“ genannt wird, der schwäbische Marokkaner, weil er fast nicht im Preis nachgibt. Recht hat er, bei der Hitze! Blöd nur, dass die Strandliegenauflagen, die wir vor Jahren bei ihm gekauft haben, immer noch pfenniggut sind. Das wurmt ihn am allermeisten, denn da kommt er in einen Konflikt, denn er kann schließlich nichts dagegen sagen, dass er beste Qualität verkauft. Vom Fußballbeau wurde ihm der Vorschlag gemacht, es doch mal mit Zigarettenkippen zu versuchen und Löcher reinzubrennen. Bislang sind das die aufregendsten Neuigkeiten, was mich sehr freut. Weiteres in Kürze!

Tütenknallen

Bei einem MRT meines Kopfes (ich habe einen leicht hypochondrischen Hang, was bei meiner Familie nachvollziehbar und verzeihlich ist, weil sie erst im letzten Moment zum Arzt gehen, dafür dann aber immer was Entsetzliches haben) wurde festgestellt, dass ich noch beachtliche embryonale Teile übrig habe. Sowas fällt mir ein, wenn ich – wie gerade eben – eine braune Papiertüte, in der der Parmesan vom Campo dei Fiori eingepackt war, aufpuste und platzen, respektive knallen lasse. Oder beim Kaugummiknallen. Über 13 glückliche Jahre konnte ich das nicht, weil unser geliebter kleiner Hund nicht schussfest war und auch heute zucke ich zusammen, wenn ich den Knall nicht selbst verursacht habe. Embryonale Anteile verspüre ich auch, wenn ich manchmal – auf dem Heimweg von einem Restaurant zum Beispiel – urplötzlich das unbezwingbare Verlangen habe, zu rennen. Nur auf den vorderen Ballen, so wie früher, wenn man am Strand jemanden gejagt hat und die Füße so wunderbar in den Sand rammen konnte. Sind das ganz normale, altersunabhängige Leidenschaften und machen wir sie nur zu altersabhängigen? Ich vermute, man gewöhnt sich ganz normale Dinge mit zunehmendem Alter (ab 10?) einfach ab.

So wie das intuitive Essen zum Beispiel. Davon habe ich durch Zufall gehört und wie viele treue Leser wissen, habe ich ein sehr kritisches Verhältnis zur Lebensmittelindustrie, weil ich sie sogar noch für gefährlicher halte als Assad und Donald Trump zusammen. Nach meiner heutigen Erfahrung am Pool ist es sehr kühn von mir, diese beiden im Internet in einem Satz zu nennen. Da habe ich nämlich – in unserem WLAN-Netz, das über die ganze Distanz funktioniert!!! – ein Restaurant eingegeben (wir haben uns mal wieder vorgenommen, auszugehen und sind im letzten Moment eingeknickt, weil es einfach so wunderschön ist auf unserer Terrasse, wir brauchen deutlich mehr Disziplin!!!) und weil es auf dem Rechner dann doch nicht ging, wollte ich es ins Handy eintippen, musste aber nur die ersten beiden Buchstaben von „Eno…..teca……“ tippen und schon war das Gesuchte vorgeschlagen. Gruselig. Enotecas gibt es ja nun wirklich viele in Rom und auch auf der ganzen Welt. Also jedenfalls die Nahrungsmittelindustrie und ihre zahlreichen Verbrechen. Beziehungsweise das Buch, von dem ich gelesen habe. Es heißt: Intuitiv essen. Und darin geht es – oh Wunder – darum, dass kaum ein Mensch mehr nicht diätgeschädigt in irgendeiner Form ist, man aber tipptoppi ausgestattet zur Welt kommt.

Kaum eine Frau, die einfach ein Jägertöpfle mit Spätzle oder ein Wiener Schnitzel mit Pommes bestellt. Selbst die Gegrillten-Fisch-Esserinnen müssen sich schräg anschauen lassen, wenn sie nicht explizit die Kartoffeln abbestellen und kaum ein Kellner in einem sophisticated Restaurant würde nicht nachfragen, ob der Fisch nur mit Gemüse oder auch mit – huch!!! – Kartoffeln serviert werden soll. Das intuitive Essen nunmehr soll die völlig verschütteten, von der Natur so klug angelegten Hungerimpulse wieder hör- und spürbar machen. Die, die wir mit zunehmendem Alter so brillant unterdrückt und durch Diäten ersetzt haben. Kann man daraus schließen, dass wir tatsächlich weise zur Welt gekommen sind und es uns nur sukzessive versauen? Da mag was dran sein. Ich zum Beispiel komme mit zunehmendem Alter immer wieder auf bahnbrechende Weisheiten und muss mich dann erstaunt erinnern, dass ich Dasselbe, nur viel prägnanter, schon mit 18, 20 gesagt hatte. So falsch kann es also nicht sein, am Tütenknallen allergrößten Gefallen zu finden.

Als Gast zuhause

In einer Welt voller Abenteuer, Perspektivenwechsel und ständig neuer Impressionen gibt es wohl kaum etwas Aufregenderes als Gast in der eigenen Stadt zu sein. Weg von Waschmaschinen, Pförtnern und der Überlegung, ob man zweimal hintereinander Fisch essen kann oder sollte, fällt es leicht, sich auf die Schönheiten der Stadt einzulassen und all die lieben Gäste zu verstehen, die einen Jahr für Jahr besuchen kommen und die meistens entzückt sind. So schön ist Rom also! Nun genieße ich dieses Wunder an Stadt schon immer sehr bewusst, wohl auch, weil ich nicht gezwungen bin, dort Post- oder andere Ämter aufzusuchen, aber gänzlich befreit von Verpflichtungen auf einer Ape durch die Stadt zu brausen – sozusagen mit einem Rad mehr als auf der gewohnten Vespa – das hat schon was. Und wenn wir nicht so ein reizendes Gastgeschenk bekommen hätten und ich nicht nur mit Handgepäck reisen würde und das Geschenk zu hause deponieren hätte wollen, wäre sicherlich auch Massimo (und mir) ein Trauma erspart geblieben.

Gestern nämlich war die Versuchung doch zu groß und ich bin mit Michele, einem weisen und sehr einsichtigen Taxifahrer, nach Hause gefahren. Und weil ich schon mal da war, habe ich auch die Terrasse inspiziert. Alls in Ordnung bis auf einen großen Kirschlorbeer. Wusst ich’s doch. Hatte davon geträumt und es war wie immer in Bezug auf die Terrasse richtig. Meine Pflanzen haben nach mir gerufen. Da mag man drüber lachen, aber es ist eben so. Besagter Kirschlorbeer war also kurz vor dem Sterben und da Massimo nicht wusste, dass ich vorbeischaue, weil ich das auch nicht wusste, war er entsetzt und hat ab nun Verfolgungswahn. Aber ganz ehrlich: die Pflanzen brauchen Fürsorge, ob ich nun in einer Woche angekündigt bin oder nicht. Das ist seine Aufgabe und ich ärgere mich fürchterlich, wenn er sie nicht macht. So habe ich zwar wieder ein Stück Alltag hereingeholt, aber im schlimmsten Fall den Tod einer langjährigen Begleiterin verhindert. Nachdem dies erledigt war, Michele sich der Menschenrechtsorganisation meines Mannes anschließen wird, weil er überzeugt ist, dass ich seiner Frau auf’s Haar ähnle bevor er nachmittags Massimo zur Hand geht (auch das hatte er live erlebt), konnte ich mich ganz beruhigt wieder den Schönheiten der Stadt widmen.

Und weil ich völlig entfesselt war, bin ich nachmittags zum Parucchiere Dino gegangen und habe in Raffaela eine wahre Meisterin ihres Fachs gefunden. Sie teilte mir stolz mit, sie mache den Job jetzt schon seit 35 Jahren, hätte ja schon mit 11 Jahren angefangen und sei nun immerhin schon 43. Sie gab mir ausgesprochen streng einen Ratschlag mit auf den Weg, der mir nach beinahe zwanzig Jahren in der Ewigen Stadt so Manches in Bezug auf italienische Frauen erklärt hat: Non pettinare!!!! Nicht bürsten. Auf meine Frage, ob auch nicht am nächsten Morgen hatte sie nur ein Wort: NO! Eigentlich waren es zwei, aber es fühlte sich wie eines an: Certamente NO! Und so kann ich schließen mit der Bestätigung des alten Sprichwortes: Reisen bildet. Und wer sich Sorgen macht, ob mein Haar aussieht wie ein Vogelnest: Mitnichten. Und falls es doch so wäre – ich fliege gleich nach Paris und da hat man das so.

Wie man einer Ente die Füße schrubbt

Das ist ganz einfach: Man klemmt sich die Ente mit dem Schnabel nach hinten unter den linken Arm, nimmt ein Mikrofasertuch und rubbelt die Füße einen nach dem anderen ordentlich damit ab. Vorher ist es natürlich ratsam, ihr mit einem starken Gummiband den Schnabel zuzubinden, denn wenn Enten so reinliche Tiere wären, dass sie gerne gründlich geschrubbt werden, hätten sie keine so schmutzigen Füße. Logisch oder? Nun mögen sich langjährige Leser fragen, ob der geneigten Autorin das warme Wetter zu Kopfe steigt. Aber nein, das ist es mitnichten. Es ist die feste Überzeugung, dass in Zeiten voller Sorge, in denen das Gehirn Kreise dreht und das Herz sich vor Sorge verkrampft, Beschäftigung – egal welche und idealerweise egal wie stupide – am besten ist. Ablenkung funktioniert schon bei Kindern. Es ist zwar umstritten, ob es nicht besser ist, sie ihre Gefühle durchleben zu lassen, von wegen einmal durchstandene Angstkurve besiegt die Angst und so, aber manche Angstkurven dauern einfach zu lange als dass man sie unbeschadet durch- oder überleben könnte.

Momentan ist wieder einmal eine solche Phase, in der Ablenkung durch monotone Tätigkeiten wie Terrasse putzen, Unkraut jäten, bügeln oder Sofa schrubben überlebenswichtig ist. Und weil Sofaschrubben offenbar in den Ohren meiner Mutter klingt als würde man einer Ente die Füße sauber machen, kam es zu diesem putzigen Bild. In Zeiten, in denen einem außer dem machtlosen Hinnehmen und Ertragen nicht viel Aktives zu tun bleibt, neigen Menschen zu ganz unterschiedlichen Reaktionen. Wie die sind, hängt vom Charakter und vom Moment ab. Ich schwanke zwischen Ablenkung und Aktionismus. Manchmal gibt es aber eben nichts weiter zu tun als zu warten. Und zu ertragen. Ich habe heute mit meiner Freundin gesprochen, die mir von einer anders gearteten Sorge, nämlich um ihre Tochter erzählt hat. Gleichwohl sie nicht konkret ist wie bei einer Krankheit, muss auch sie den schmalen Grat gehen: Sorge und Angst auf sie übertragen, sie warnen, beschützen und sie dadurch prägen oder nichts tun, sie „sorglos“ weiterleben lassen und sich noch mehr sorgen.

Aber zurück zur Ente: Ein selbst strukturierter Alltag wie der meine fast immer ist, ist fast immer ein Luxus, in solchen Momenten jedoch eine zusätzliche Herausforderung, die wesentlich mehr Disziplin erfordert als um acht Uhr ins Büro zu gehen oder irgendwohin zu fliegen. Jeder Schritt muss geplant sein, jede Aufgabe gesucht und gewählt. Kreatives wie Artikel oder brillante Blogbeiträge schreiben fällt dann besonders schwer und sorgt beim leeren Blick aus dem Fenster dafür, dass die unliebsamen Gedanken sich sofort ihren Platz zurückerobern. Beim Entenfüßeschrubben passiert das nicht so schnell. Zu groß ist der Schmutz, zu zappelig die Ente. Ich hoffe sehr, dass am Ende dieser Phase nicht nur saubere Entenfüße, sondern auch schlanke Beine, gute Werte, saubere Bäuche und scharfe Augen herauskommen. All die Ablenkung soll schließlich auch ihr Gutes haben.

Männer im Supermarkt

Ich fahre ja oft und gerne zum Einkaufen. Vor allem hier in Rom. Die meisten Leute in den Geschäften meiner Wahl arbeiten schon seit Ewigkeiten dort und so kennen wir uns und freuen uns aufeinander. Vom Metzger werde ich regelmäßig zur deutschen Politik befragt, was mich fast in ebensogroße Verlegenheit bringt, wie die gleich darauffolgenden Fragen nach dem deutschen Fußball. Meist verstehe ich sie gar nicht so richtig, weil der Dialekt doch sehr arg ist und auch ein wenig Genuschel hinzu kommt. In meinem Supermarkt, den ich vor Jahren aus der Versenkung meiner Gedanken gehoben habe und in dem ich inzwischen wie ein Großwildjäger, nein eher wie ein Trüffelsammler wahre Schätze entdecke und berge, habe ich ein paar fröhliche Mädels, mit denen man herrlich über das Leben an sich und im Speziellen philosophieren kann. Fast immer sind sie fröhlich, nennen einen Amore oder Bella und scheinen sich ein Loch in die Mütze zu freuen, wenn man ein halbes Brot möchte.

Nun hat der Supermarkt – vermutlich nicht nur dank meiner wiederaufgenommen Einkäufe dort – vor zwei Jahren total renoviert und seitdem haben wir auch eine Wursttheke. Zunächst dachte ich noch: naaaa, das geht doch nie, das ist doch so ein günstiger Supermarkt, fast wie der Aldi, was soll es da schon geben?! Aber weil man ja Neueerungen gegenüber aufgeschlossen sein soll, habe ich dort meinen gekochten Schinken gekauft. Zunächst nur hundert Gramm und ganz dünn geschnitten. Und als ich forsch auf die Frage nach der Sorte geantwortet habe, dass ich bitte gerne den besten hätte, konnte ich bei dem Schinkenschneider ein rasches Glitzern in den Augen sehen, denn fast nichts freut sie mehr als eine willfährige Kundin, die aber schon auch das Beste zu schätzen weiß, sich aber gleichzeitig anleiten lässt und angebotene Ware erster Güte probiert und danach auch noch sagt, dass sie vorzüglich war. Eine ebensolche kann ich sein. Ein Bund fürs Leben war geschmiedet mit Alessio und Michele (glaub ich). Alessio zeigt mir seine Zuneigung inzwischen verbal, indem er gerne in englischen Brocken mit mir kommuniziert, was fast noch schwieriger zu verstehen ist als der römische Dialekt vom Metzger gegenüber oder handfest, indem er mich mit Mozzarrella- und Schinkenstücken abfüttert. Wir sind ein Dreamteam und er hat mir versichert, er würde Frauen immer und in jeder Form zufrieden stellen, was mich sehr beruhigt. Für mich und auch für seine Frau.

Gestern, als ich zu einer für mich sehr ungewöhnlichen Zeit einkaufen gefahren war, habe ich bereits auf dem Parkpatz frohlockt. Nur ein anderes Auto, wo sich normalerweise zwanzig stapeln – ein Traum. Auch drinnen gähnende Leere, ein,zwei verlorene Männer, sonst nichts. In fünf Minuten bist Du raus, dachte ich mir und bin frohgemut in Richtung Schinken gestürzt. Ein Kunde vor mir – prima! Alessio krähte erfreut sein Ciao Bellissima und als ich gehört habe, dass er auch schon genau wusste, was ebendieser Kunde vor mir nehmen wird (due, due, due, vero? – si!), hab ich mich schon auf meine eigene Bestellung vorbereitet. Fast hätte ich sie vergessen. Was sind Männer nur für Ratschkattln! Fußball, Fernsehen, Frauen – alles haben sie eingehend besprochen, der Wahnsinn! Dann kam noch einer angeschlendert, der zwar keinen Schinken wollte, aber ganz sicher auch mitreden und schön langsam habe ich angefangen innerlich von tausend runter zu zählen. Irgendwann war ich dann doch dran, habe Alessio während des Bestellvorgangs die Basics im Deutschen (ich liebe Dich) beigebracht und wurde durch diese ganze Bummelei Zeuge eines mörderischen Streits zwischen dem Fleischzerteiler, den wir Kunden gar nie zu Gesicht bekommen, weil er immer im Kühlraum sein muss (was offenbar auch seinen guten Grund hat!!!) und der Filialleiterin. Es scheint so, als ob der Kühlraum Sergejs Gemüt erst so richtig aufgeheizt habe, es hat nicht viel gefehlt und er hätte sein Hackebeil geholt. Ich komme immer wieder zu dem Schluss: Männer im Einkaufs- und Verkaufsbereich müssen mit Bedacht gewählt werden. Männer im Einkaufssektor sogar mit noch mehr Bedacht. Sie können sonst ganze Lawinen an Stau und Empörung auslösen.

Scheinheiligkeit

Einen guten Monat war ich nicht in Rom. In der Zwischenzeit ist mein Oleander nicht mehr beleidigt und knospt wieder, was mich sehr froh macht, die Baustelle unter unserer Wohnung scheint sich in den Endzügen zu befinden und viele, viele einst gefährlich löchrige Straßen sind neu asphaltiert. Ich bin bereit, dies völlig unserer zauberhaften Bürgermeisterin Raggi anzuhängen. Weil sie eine Frau ist und damit pragmatisch. Sie schreibt sich nicht irgendwelche nie zu erreichenden hehren Ziele auf die Fahne, sondern fängt dort an, wo auch wirklich etwas zu erreichen ist. Das mag dann nicht so spektakulär sein wie ein Vorhaben alla „Ich mache Rom wieder zur Nummer eins unter allen Städten“, aber es erleichtert den Menschen den Alltag, macht sie froh, rettet vielleicht auch Leben. Es hat etwas von Demut den kleinen Dingen gegenüber, ohne die große Dinge gar nicht erst möglich wären, von Füßewaschen bei Mafiosi oder von kleinen freundlichen Gesten im Alltag. Männer mögen solche Gesten nicht immer so gerne. Sie sind nicht spektakulär und effekthascherisch genug, um zu gefallen. Im Stillen wirken ist nicht jedermanns Sache.

Wer WhatsApp hat, ist auch oft in WhatsApp-Gruppen. Das liegt in der Natur der Sache. Das hat viele Vorteile. Man muss nicht jeden Einzelnen anschreiben, um eine Verabredung festzuzurren und lernt ganz nebenbei auch noch seine Mitmenschen besser kennen. Da schreibt zum Beispiel einer, dass in seinem Hotel vier Hundewelpen ausgesetzt wurden und ob nicht einer zufällig einen unterbringen könnte, er selbst würde einen mitnehmen. Um kurz vor Mitternacht kommt dann die große Moralkeule , ob man denn auch alle afrikanischen Kinder adoptieren würde oder gar selbst hinführe, sich um sie zu kümmern. Bäng. Groß rausgekommen, Gutmenschentum unter Beweis gestellt, einem, der ganz harmlos und nebenbei entschlossen ist, eher was Gutes als gar nichts zu tun, eine übergebraten und all das, ohne auch nur einen Finger gekrümmt zu haben. Vermutlich noch nach einer Flasche Weißwein vom Sofa aus. Ich habe ziemliche Probleme mit solchen Menschen. Menschen, die nichts tun als die Taten anderer klein zu reden, die es nicht sehen können, wenn andere auch etwas leisten. Das ist das Gegenteil von gut in meinen Augen und hemmt wie ein böses Perpetuum Mobile den Kreislauf des Guten.

Wenn wir an einem Tag wie diesem – Ostern, dem Tag der Auferstehung – bleiben, ist es auch unchristlich. Denn letztlich zählen Taten, wie klein auch immer und nicht blödes, unnützes Daherreden. Natürlich wäre es ganz wunderbar, mit einem Satz alles Elend auf der Welt zu beheben, aber gar nichts zu tun oder das Engagement anderer zu verhöhnen oder zu schmälern, nur weil man selbst den Arsch nicht hochkriegt und sich ärgert, dass ein anderer besser ist, macht mich sehr zornig. Das muss schon jedem selbst überlassen bleiben, wofür er sich engagiert, solange er damit was Gutes tut. Denn letztlich zieht das Gute immer seine Kreise – egal, wo es seinen Anfang genommen hat. Sicher beginnt es nicht mit bösartigen Kommentaren von einem Sofa aus. Eher mit dem Asphaltieren von Straßen und dem Adoptieren von kleinen Hunden. Frohe und tätige Ostern wünsche ich allerseits!